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Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik


Kontakt:
Institut für Wirtschaftsinformatik
Universität St. Gallen
Müller-Friedberg-Strasse 8
CH-9000 St. Gallen
Tel.: +41 (0) 71 224 38 00
Fax: +41 (0) 71 224 32 97
hubert.oesterle@unisg.ch




Akkreditierungen:
http://www.efmd.org/index.php/accreditation-/equis http://www.aacsb.edu/ Akkreditierungen Universität St.Gallen

  

 

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Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung

Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik

Österle, H., Becker, J., Frank, U., Hess, T., Karagiannis, D., Krcmar, H., Loos, P., Mertens, P., Oberweis, A., Sinz, E. J., Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik, in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 6, 2010, Nr. 62, S. 664 - 672

Die Wirtschaftsinformatik und das Information Systems Research verfolgen hauptsächlich zwei Forschungsansätze, den behavioristischen und den gestaltungsorientierten Ansatz. Die zehn Autoren formulieren in diesem Memorandum Grundsätze der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik (design oriented information systems research). Weitere 112 Ordinarien der deutschsprachigen Wirtschaftsin­formatik unterstützen dieses Memorandum durch ihre Unterschrift und vertreten die darin formulierten Grundsätze.Click to open as PDF

 

European Journal of Information Systems

Memorandum on design-oriented information systems research

Osterle, H., Becker, J., Frank, U., Hess, T., Karagiannis, D., Krcmar, H., Loos, P., Mertens, P., Oberweis, A., Sinz, E. J., Memorandum on design-oriented information systems research, in: European Journal of Information Systems, 20, 2010, Nr. 1, S. 7-10, http://www.palgrave-journals.com/ejis/journal/v20/n1/pdf/ejis201055a.pdf  

Information Systems Research („Wirtschaftsinformatik“) basically follows two research approaches: the behavioristic approach and the design-oriented approach. In this memorandum, ten authors propose principles of design-oriented information systems research. Moreover, the memorandum is supported by 112 full professors from the German-speaking scientific community, who with their signature advocate the principles specified therein.Click to open as PDF

A response to the design-oriented information systems research memorandum

Baskerville, R., Lyytinen, K., Sambamurthy, V., Straub, D., A response to the design-oriented information systems research memorandum, in: European Journal of Information Systems, 20, 2010, Nr. 1, S. 11-15Click to open as PDF, http://www.palgrave-journals.com/ejis/journal/v20/n1/pdf/ejis201056a.pdf

Editorial

Junglas, I., Niehaves, B., Spiekermann, S., Stahl, B. C., Weitzel, T., Winter, R., Baskerville, R., The inflation of academic intellectual capital: the case for design science research in Europe, in: European Journal of Information Systems, 20, 2010, Nr. 1, S. 1-6Click to open as PDF, http://www.palgrave-journals.com/ejis/journal/v20/n1/pdf/ejis201057a.pdf

 

Kommentare

Jörg Becker, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Buchbeitrag

Gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik

Buchkapitel: Prozess der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik

  • Analyse,
  • Entwurf,
  • Evaluation,
  • Diffusion.

Analyse:

Der Anstoß zu einem Forschungsthema kann aus der Wissenschaft oder aus der Praxis kommen. Die Analysephase erhebt und beschreibt die Problemstellung und formuliert die Forschungsziele. Bei der Problemdefinition ist insbesondere darauf zu achten, dass ein relevantes Problem untersucht wird. Relevante Probleme können sein: Scheitern von Informationssystem-Projekten, Unzufriedenheit mit einer Softwarelösung, Information Overflow (häufig gepaart mit nicht relevanten oder unrichtigen Informationen, die zur Verfügung gestellt werden), der zu hohe Kostenaufwand von Modellierungsprojekten, mangelndes Verständnis von Modellen seitens der Modellnutzer, mangelhaftes Zusammenspiel von Produzenten und Dienstleistern bei der Erbringung von Sach- und Dienstleistungsbündeln in der hybriden Wertschöpfung, mangelnde Akzeptanz von IT-Systemen oder mangelnde Effizienz von Informationssystemen, um nur einige zu nennen. Da das Objekt der Wirtschaftsinformatik die Informationsverarbeitung in Unternehmen, in der Öffentlichen Verwaltung, selbst in Privathaushalten ist, ist der Blick in die Praxis zur Definition eines Forschungsobjektes unerlässlich.

Bei den Forschungszielen ist zu beachten, dass neben dem Gestaltungsziel, das im Vordergrund steht, häufig auch ein Beschreibungs- und Erklärungsziel begleitend verfolgt wird. Dabei hat die Wirtschaftsinformatik einerseits einen inhaltlich-funktionalen Auftrag, indem sie sich um Informationssysteme in unterschiedlichen betrieblichen Domänen (Handel, Banken, Versicherungen, Industrieunternehmen, Öffentliche Verwaltung etc.) kümmert, andererseits einen methodischen Auftrag, indem Verfahren, Vorgehensweisen, Methoden und Modelle erstellt werden, die dazu beitragen, Informationssysteme zu gestalten oder zu evaluieren.

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik erstellt einen Forschungsplan zur Entwicklung oder Verbesserung der benötigten Artefakte. Die Analysephase ermittelt die Einflussfaktoren eines Problems. Eine ihrer Leistungen liegt in der Selektion der bestimmenden Faktoren und in der Berücksichtigung der Kontingenz.

Die Forschung der Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich mit unterschiedlichen Forschungsfragen und nutzt dazu ein reiches Instrumentarium von Forschungsmethoden und Sprachmitteln. Die Forschungs­­planung konfiguriert daher die für das Projekt am besten geeigneten Forschungsmethoden. Eine wesentliche Leistung des Forschers besteht darin, das Untersuchungsgebiet so zu abstrahieren und zu strukturieren, dass Prozesse gestaltet und IT-Systeme konzipiert werden können.

Der Forscher hat sich auf allen Ebenen des Erkenntnisgewinns über seine Positionierung im Klaren zu sein [2]:

  • Ontologischer Aspekt: ontologischer  Realismus (es gibt eine reale Welt) versus ontologischem Idealismus (die Welt besteht nur in unserer Vorstellung) versus Kant´scher Auffassung (Ding an sich, Phänomen),
  • Epistemologischer Aspekt: epistemologischer  Realismus (Erkenntnisgewinn entsteht unabhängig vom Erkennenden) versus Konstruktivismus (Erkenntnisgewinn ist eben nicht unabhängig vom Erkennenden).
  • Konzept der Wahrheit: Korrespondenztheorie versus Konsenstheorie versus semantischer Theorie
  • Woher kommt Erkenntnis? Empirie, Rationalismus, Kant´sche Auffassung
  • Methodologischer Aspekt (Induktion, Deduktion, Hermeneutik)

Entwurf:

Die Artefakte sind anhand anerkannter Methoden herzuleiten, soweit wie irgend möglich zu begrün­den, zu erstellen und gegen bekannte Lösungen aus Wissenschaft und Praxis abzugrenzen. Die Artefakte können Modelle (Modellierungstechnik oder instanziiertes, aber allgemeingültiges Modell), Vorgehensleitfäden, Prototypen oder lauffähige und für den kommerziellen Einsatz konzipierte IT-Systeme (letzteres eher selten) sein, in jedem Fall (wie oben erwähnt) Abstraktionen des Objektsystems. Da solche Abstraktionen nicht mit mathematischen Methoden als wahr oder unwahr tituliert werden können, bedarf es Mechanismen, die eine Übereinstimmung bezüglich der Sinnhaftigkeit einer Abstraktion herbeiführen können. Hier ist hilfreich, Anleihen an den Grundsätzen ordnungsmäßiger Modellierung zu nehmen [3]. Hierbei handelt es sich um Empfehlungen zur Qualitätssteigerung von Modellen. Die Grundsätze ordnungsmäßiger Modellierung umfassen sechs Empfehlungen:

  • Grundsatz der Richtigkeit

Der Grundsatz der Richtigkeit beinhaltet den der syntaktischen Richtigkeit, der formalisiert überprüft werden kann, und den der semantischen Richtigkeit, für den das nicht gilt. Mit Bezug auf Kamlah und Lorenzen [9] sprechen wir dann von einer richtigen Abstraktion, wenn eine Einigung im Diskurs der Gutwilligen und Sachkundigen innerhalb einer Sprachgemeinschaft zustande gekommen ist (Wahrheitsfindung durch Konsens). Nicht unbedingt im Vordergrund steht dabei die empirische Relevanz  mit großem n, da die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik Innovation gestaltet und nicht frühere Innovationen beobachtet.

  • Grundsatz der Relevanz

Nur der Teil des Objektsystems ist in die Abstraktion aufzunehmen, der den Zielen des zukünftigen Modellnutzers entspricht.

  • Grundsatz der Wirtschaftlichkeit

Eine Abstraktion ist nur soweit zu verfeinern, wie der Nutzen der zusätzlichen Verfeinerung größer ist als deren Kosten. Die Nutzung von semantischen Modellierungssprachen und Referenzmodellen ist dazu angetan, die Wirtschaftlichkeit der Abstraktionserstellung zu erhöhen.

  • Grundsatz der Klarheit

Eine Abstraktion muss (in den Augen des Nutzers) verständlich und handhabbar sein.

  • Grundsatz der Vergleichbarkeit

Mit unterschiedlichen Sprachen erstellte Abstraktionen müssen ineinander überführbar sein.

  • Grundsatz des systematischen Aufbaus

Unterschiedliche Sichten auf das Objektsystem (Datensicht, Prozesssicht) müssen zueinander konsistent sein.

Gerade in der Verbindung von methodischem Know-how und Domänenwissen (über betriebliche Sachverhalte), verknüpft mit der Fähigkeit zu abstrahieren und zu strukturieren, liegt die – wie der Marketing-Fachmann sagen würde – USP (unique selling proposition) des Wirtschafts­informatikers.

Evaluation:

Rigorosität verlangt eine Überprüfung der geschaffenen Artefakte gegen die anfangs definierten Ziele und mittels der im Forschungsplan gewählten Methoden. Einen wichtigen Teil übernehmen die Begutachtungsverfahren für wissenschaftliche Publikationen. Dabei funktioniert ein Review für einen Beitrag der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik nicht mechanisch (wurde ein statistisches Verfahren richtig angewendet?), sondern erfordert Urteilskraft des Reviewenden und eine Bewertung im besten Sinne des Wortes: ist die Argumentation überzeugend? Ist die Begründungskette nachvollziehbar? Ist die Herleitung der Ergebnisse plausibel? Ist das Forschungsdesign expliziert und adäquat? Ist die Herleitung der Ergebnisse theoriegeleitet? Die Qualität eines Beitrags sollte sich statt an empirischer Evidenz besser an argumentativer Evidenz messen lassen. Insofern hat eine Bewertung eines gestaltungsorientierten Beitrags immer multiperspektivisch zu erfolgen. Die „Sozialisierung“ vieler Reviewer steht dem leider entgegen.

Diffusion:

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik ist an einer größtmöglichen Diffusion ihrer Ergebnisse an ihre Anspruchsgruppen interessiert. Instrumente dazu sind vor allem:

  • wissenschaftliche Aufsätze, Pra­xisaufsätze,
  • Konferenzbeiträge, Vorträge,
  • Dissertationen, Habilitationsschriften,
  • Lehrbücher, ja Bücher überhaupt (die in den Rankingkriterien leider kaum mehr Beachtung finden),
  • WWW-Auftritt, Richtlinien, Grundsätze, Messeauftritt,
  • publicly available specification (PAS) des Deutschen Instituts für Normung (DIN) oder eine ähnliche Norm,
  • Vor­lesun­gen, Seminare, Weiterbildung in der Praxis,
  • Anträge auf Fördermittel und Durchführung drittmittelgeförderter Forschung, insbesondere Verbundvorhaben mit mehreren Beteiligten,
  • Implemen­tie­rung in privaten Betrieben und in der Öffentlichen Verwaltung, sei es als open source-Produkt oder als kommerziell verwertetes Produkt, sowie
  • Unternehmens­gründungen bzw. Spin-offs.

Literaturverzeichnis:

Becker, J.; Krcmar, H.; Niehaves, B.: Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik. Heidelberg 2009.

Becker, J.; Niehaves, B.: Epistemological Perspectives on IS Research - A Framework for Analyzing and Systematizing Epistemological Assumptions. Information Systems Journal, 17 (2007) 2, S. 197-214.

Becker, J.; Rosemann, M.; Schütte, R.: Grundsätze ordnungsmäßiger Modellierung. Wirtschaftsinformatik 37 (1995) 5, S. 435-445.

Gregor, S.; Jones, D.: The Anatomy of a Design Theory. JAIS, 8 (2007),  S. 312-335.

Hardless, C.; Lindgren, R.; Schultze, U.: Technology-Mediated Learning Systems For Project Work - A Design Theory. Scandinavian Journal of Information Systems, 19 (2007) 2, S. 3-36.

Hevner, A. R.; March, S. T.; Park, J.; Ram, S.: Design Science In Information Systems Research. MIS Quarterly, 28 (2004) 1, S. 75-105.

Hooker, J. N.: Is design theory possible? Journal of Information Technology Theory and Application, 5 (2004) 2, S. 73-82.

Iivari, J.: A Paradigmatic Analysis of Information Systems as a Design Science. Scandinavian Journal of Information Systems, 19 (2007) 2, S. 39-64.

Kamlah, W.; Lorenzen, P.: Logische Propädeutik: Vorschule des vernünftigen Redens. 3. Auflage, Stuttgart 1996.

Kuechler, B.; Vaishnavi, V.: Theory Development in Design Science Research: Anatomy of a Research Project. In: V. Vaishnavi; R. Baskerville (Eds.), Proceedings of the Third International Conference on Design Science Research in Information Systems and Technology (S. 1-15). Atlanta: Georgia State University.

March, S. T.; Smith, G. F.: Design And Natural Science Research On Information Technology. Decision Support Systems, 15 (1995) 4, S. 251-266.

Markus, M. L.; Majchrzak, A.; Gasser, L.: A Design Theory for Systems That Support Emergent Knowledge Processes. MIS Quarterly, 26 (2002) 3, S. 179-212.

Niehaves, B.: On Epistemological Diversity in Design Science New Vistas for a Design-Oriented IS Research? In: Proceedings of the International Conference on Information Systems (ICIS2007). Montréal, Québec, Canada, 2007.

Peffers, K.; Tuunanen, T.; Rothenberger, M.A.; Chatterjee, S.: A Design Science Research Methodology for Information Systems Research. Journal of Management Information Systems, 24 (2008) 3, S. 45-78.

Pries-Heje, J.; Baskerville, R.: The Design Theory Nexus. MIS Quarterly, 32 (2008) 4, S. 731-756.

Simon, H. A.: The Science of the Artificial. Cambridge, Mass 1996.

van Aken, J. E.: Management Research Based on the Paradigm of  the Design Sciences: The Quest for Field-Tested and Grounded Technological Rules. The Journal of Management Studies, 41 (2004) 2, S. 219-246.

Walls, J. G.; Widmeyer, G. R.; El Sawy, O. A.: Assessing Information System Design Theory in Perspective: How Useful Was Our 1992 Initial Rendition? JITTA : Journal of Information Technology Theory and Application, 6 (2004) 2, S. 43-58.

 

Jan vom Brocke, Universität Liechtenstein

Lieber Hubert,

gerne nehme ich Deine Einladung zu einer Stellungnahme zum Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik an. Dabei möchte ich zum einen die Punkte noch einmal genauer ausführen, die wir früher schon besprochen haben. Zum anderen habe ich mich aber auch noch einmal eingehend mit dem Papier sowie der neuen EJIS-Ausgabe beschäftigt, um weitere Anregungen für die gemeinsame Diskussion am Rande der WI 2011 in Zürich geben zu können.

Zunächst möchte ich noch einmal betonen, dass ich – trotz der gegenwärtigen Kontroverse rund um das Papier – grundsätzlich ein Befürworter des Memorandums bin. In der aktuellen Ausarbeitung sehe ich aber noch einige Aspekte, die der Intention der Schrift vielleicht nicht ganz gerecht werden. Ich schätze natürlich die wesentlichen Ziele (z.B. die Etablierung von Regeln für die gestaltungsorientierte Forschung, die Definition von Kriterien für Gutachtertätigkeiten oder die Positionierung der gestaltungsorientierten Forschung) und teile außerdem auch die Meinung, dass gestaltungsorientierte Arbeiten bisher eine vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit in unseren Top-Journals erfahren haben. Ebenfalls unterstütze ich das Vorhaben der Initiatoren, innovative und praxisrelevante Forschungsarbeiten auch zukünftig an unseren Universitäten zu fördern und unseren wissenschaftlichen Nachwuchs hierzu entsprechend zu ermutigen. Die aktuelle Version des Memorandums könnte aber in Teilen missverstanden werden und daher sowohl sprachlich als auch inhaltlich vielleicht noch etwas überarbeitet werden, um die Akzeptanz des Papiers noch zu steigern.

Du hast mich gebeten, in meiner Stellungnahme konkret auf einzelne Textstellen im Dokument einzugehen und alternative Formulierungen aufzuzeigen, was ich im Folgenden gerne machen möchte. Dabei möchte ich einerseits auf (1) die sprachliche Ausgestaltung des Memorandums Bezug nehmen sowie andererseits auch inhaltliche Aspekte diskutieren, insbesondere (2) die Gegenüberstellung europäischer und angelsächsischer Forschung, (3) die Publizierbarkeit gestaltungsorientierter Forschung und (4) die im Memorandum dargestellten Empfehlungen.

(1) Anmerkungen zur sprachlichen Ausgestaltung

Einige der einführenden Passagen wurden meiner Ansicht nach unnötig scharf formuliert, was vielleicht auch manche teils negative Reaktionen auf das Memorandum erklärt. Das Papier beginnt wie folgt:

„Muss die Wirtschaftsinformatik Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft erzeugen? Bis vor Kurzem wurde diese Frage in der europäischen, vor allem in der deutschsprachigen und skandinavischen Wirtschaftsinformatik mit einem überzeugten Ja beantwortet.“

Ich finde, dass diese Textstelle zumindest in zweierlei Hinsicht missverstanden werden könnte: Zum einen wird angedeutet, dass einige Wirtschaftsinformatiker diese Frage heute nicht mehr bejahen würden (oder zumindest nicht mehr so überzeugt). Keine/r unserer KollegInnen, ob sie oder er nun gestaltungsorientiert arbeitet oder nicht, würde sich aber doch für irrelevante Forschung aussprechen? Zum anderen, und dies empfinde ich als ungleich problematischer, könnte der Eindruck entstehen, die Initiatoren und Unterzeichner des Memorandums seien der Ansicht, dass dies außerhalb Europas, insbesondere im angelsächsischen Raum, nicht so der Fall ist. Ein Grund hierfür könnte in einer teilweise etwas pauschalisierten Darstellung und regionalen Verankerung der im Papier diskutierten Forschungsansätze gesehen werden (was ich später auch noch näher erläutern möchte):

„Prominente Vertreter dieser Disziplin [Information Systems Research] beklagen jedoch seit Jahren die mangelhafte Relevanz für die Praxis, die sich u. a. darin niederschlägt, dass auf diesem Gebiet Promovierte kaum in der Wirtschaft unterkommen.“

Auch dieser Absatz könnte als etwas provokativ aufgefasst werden. Hier ist auch zu berücksichtigen, dass sich die Promotionsmodelle in Nordamerika und im deutschsprachigen Raum zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Während es in Deutschland viele Studierende nach der Promotion in die Praxis zieht, sind die PhD-Programme an den amerikanischen Top-Unis häufig explizit auf eine wissenschaftliche Karriere ausgelegt. Sicherlich ist es erfreulich, dass unsere AbsolventInnen derart stark von der Praxis nachgefragt werden. Gleichzeitig spricht es aber doch auch für die Ausbildung unserer amerikanischen Kollegen, dass sich viele ihrer PhDs nach ihrem Abschluss für eine akademische Karriere entscheiden? Dies wird im Beitrag bislang aber nicht so berücksichtigt. Von dieser inhaltlichen Kritik einmal abgesehen, finde ich jedoch gerade die Formulierung dieser Passage etwas unglücklich. „Unterkommen“ könnte den Eindruck erwecken, als würde amerikanischen PhDs jegliche Praxisrelevanz abgesprochen… allerdings pflegen doch auch viele unserer angelsächsischen KollegInnen sehr intensive Kooperationen mit der Industrie.

„Die Initianten und Unterzeichner dieses Memorandums treten für eine gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik ein, akzeptieren aber ausdrücklich auch die verhaltensorientierte Forschung und begrüßen den Methodenpluralismus.“

Dies ist vielleicht nur eine Nuance, aber vielleicht wäre es besser, andersartige Forschung nicht bloß zu „akzeptieren“, sondern – ebenso wie den angesprochenen Methodenpluralismus – zu „begrüßen“ (wie etwa in der englischen EJIS-Version des Memos) bzw. zu „wertschätzen“? Ich persönlich verbinde mit Dingen, die ich zu „akzeptieren“ habe, eigentlich eher etwas Negatives. Ich „schätze“ es aber doch sehr, von meinen – methodisch häufig sehr anders arbeitenden – KollegInnen ständig etwas Neues lernen zu können. Kurz vor diesem Satz wird „ein Zweig der angelsächsischen IS-Forschung“ angesprochen, der „neuerdings zur Erhöhung seiner Relevanz unter der Bezeichnung Design Science Research in die gleiche Richtung“ geht. Gemeint ist sicher u.a. der 2004-MISQ-Beitrag von Alan Hevner, Salvatore March, Jinsoo Park und Sudha Ram. Auch diese Autoren weisen ausdrücklich auf die Rolle und Relevanz der beiden im Memorandum diskutierten Forschungsansätze – Behavioral und Design Science – hin, stellen aber gerade deren Komplementarität heraus. Denn eine geeignete theoretische Grundlage ist doch in vielen Fällen erst der Schlüssel zu erfolgreichem Design... In ihrem EJIS-Editorial zum Memorandum schreiben Iris Junglas, Björn Niehaves, Sarah Spiekermann, Bernd Carsten Stahl, Tim Weitzel und Robert Winter auch: „We all agree that we need theory building science as much as we need technology building science. They belong together because without understanding the world we cannot design the right artifacts for it.” (S. 3). Meiner Ansicht könnte insgesamt der Eindruck entstehen, die beiden behandelten Forschungsansätze stünden in Konkurrenz zueinander:

„Statistische Absicherung empirisch erhobener Gesetzmässigkeiten existierender Systeme werden innovativen Lösungen mit hohem Nutzen für die Praxis vorgezogen.“

Einerseits denke ich, dass die beiden Ansätze (nicht nur hier) inhaltlich nicht ausreichend im Memorandum beschrieben werden (verhaltensorientierte Forschung zielt ja nicht nur auf die „statistische Absicherung empirisch erhobener Gesetzmässigkeiten“, vgl. dazu auch weiter unten). Andererseits, so befürchte ich, könnte diese Darstellung der beiden „Paradigmen“ als nicht immer wertfrei empfunden werden (z.B. „Absicherung von Gesetzmässigkeiten“ einerseits vs. „Innovation mit hohem Nutzen für die Praxis“ andererseits). In der folgenden Passage wird sogar von einer „Gefahr“ gesprochen, die von einer zunehmenden Verbreitung verhaltensorientierter Forschung in Deutschland ausgehen kann. Vertreter beschreibender und/oder erklärender Forschung könnten sich damit allerdings diskreditiert fühlen:

„Die Gefahr wächst, dass sich die europäische Wirtschaftsinformatik von einer innovativ gestaltenden zu einer beschreibenden Disziplin entwickelt.“

„Die Schuld an dieser wirtschaftlich und gesellschaftlich äusserst fragwürdigen Entwicklung trifft aber auch die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik selbst.“

Insgesamt wäre es vielleicht gut, manche Aussagen etwas weniger „offensiv“ zu formulieren, was einem konstruktiven Dialog zugutekommen könnte. Junglas et al. (2010, S. 2) schreiben entsprechend: „Again, in the opinion of some, the Memorandum movement’s tone risks splitting the German-speaking IS community (either you are for us or against us) and also the global community (German vs non-German IS)”. Die Autoren erwähnen außerdem eine “emotional aggressiveness”, die in dem Memorandum erkannt werden könnte (S. 3). Ich denke, dass dies keinesfalls die Absicht der Initiatoren war, teile gleichzeitig aber die Bedenken dieser Autoren. Ich befürchte, dies könnte der sehr vielversprechenden Intention des Papiers letztlich abträglich sein.

Über diese primär sprachlichen Aspekte hinaus könnte der Beitrag vielleicht aber auch inhaltlich in einigen Punkten überarbeitet werden. Dies betrifft insbesondere die folgenden Punkte (2) bis (4):

(2) Anmerkungen zur Gegenüberstellung europäischer und angelsächsischer Forschung

Gerade die Darstellungen der Wirtschaftsinformatik- bzw. Information Systems-Forschung in regionaler und paradigmatischer Hinsicht könnten womöglich noch etwas differenzierter erfolgen.

„Im angelsächsischen Raum entspricht der Wirtschaftsinformatik das Information Systems Research, das allerdings aus der Kultur der Business Schools kommend den Forschungsansatz des Behaviorismus verfolgt. Ziel ist weniger die innovative Gestaltung von Informationssystemen, sondern die Beobachtung von Eigenschaften von Informationssystemen und des Verhaltens von Benutzern.“

Ich denke, das Papier wird der Forschung im angelsächsischen Raum nicht ganz gerecht, wenn diese auf die Beobachtung von Eigenschaften und Verhaltensweisen reduziert wird (wie es hier vielleicht verstanden werden könnte). Die Wirtschaftsinformatik- bzw. Information Systems-Disziplin zeichnet sich ja gerade durch einen sowohl methodisch als auch inhaltlich stark ausgeprägten Pluralismus aus, dem mit diesen Ausführungen, meiner Einschätzung nach, nicht immer ganz richtig entsprochen wird. Andererseits, und das habe ich ja bereits angedeutet, könnte der Eindruck entstehen, dass hier – gerade in Verbindung mit den vorhergehenden Textpassagen – einzelne Länder/Regionen mit bestimmten Forschungsansätzen gleichgesetzt werden. Zwar habe auch ich den Eindruck, dass im angelsächsischen Raum zum überwiegenden Teil Arbeiten durchgeführt werden, die im Memorandum als verhaltensorientiert bezeichnet werden. Gleichzeitig stammen die bisher am häufigsten zitierten Methodologien zur gestaltungsorientierten Forschung aber doch gerade aus dem angelsächsischen Raum. Beispiele sind das oben angesprochene Paper von Alan Hevner und seinen Kollegen, die Arbeiten von Vijay Vaishnavi und Bill Kuechler (Auerbach Publications 2008, AIS Homepage 2004/5) oder das Vorgehensmodell von Ken Peffers, Tuure Tuunanen, Marcus Rothenberger und Samir Chatterjee (JMIS 2007-08). Außerdem wurden hier doch auch viele sehr einflussreiche gestaltungsorientierte Arbeiten durchgeführt, z.B. die vielbeachteten Aufsätze zu relationalen Datenbankmodellen von Ted Codd. Weitere Beispiele nennen ja auch Richard Baskerville, Kalle Lyytinen, Vallabh Sambamurthy und Detmar Straub in ihrer Response zum Memorandum. Umgekehrt beschränkt sich natürlich auch die deutschsprachige WI-Community nicht ausschließlich auf gestaltungsorientierte Forschung. Dies sollte, so finde ich, im Memorandum etwas stärker gewürdigt werden.

(3) Anmerkungen zu den Ausführungen über die Publizierbarkeit gestaltungsorientierter Forschung

Das Memorandum könnte an einigen Stellen den Eindruck erwecken, Kritik an den Begutachtungsprozessen angelsächsischer Journals üben zu wollen (ein Punkt, den ja auch Richard Baskerville und seine Kollegen in ihrer Antwort auf das Papier aufgreifen). Die Argumentation im Papier liest sich wie folgt: Journals aus dem angelsächsischen Raum publizieren relativ wenige gestaltungsorientierte Arbeiten (denn: die „wohletablierten Zeitschriften stammen aus der angelsächsischen Forschungsgemeinschaft und dem dort dominanten Forschungsparadigma, dem Behaviorismus“), deutschsprachige (Nachwuchs-)Wissenschaftler orientieren sich entsprechend um („[…] so sind die Wissenschaftler, insbesondere die Nachwuchswissenschaftler, geradezu gezwungen, sich an den Kriterien dieser Journale zu orientieren“) und die oben angesprochene „Gefahr“, sich weg von einer gestaltungsorientierten Disziplin zu entwickeln, wächst damit. Ich sehe diese Argumentation zumindest als diskussionswürdig an: Zunächst halte ich es für durchaus möglich, gestaltungsorientierte Arbeiten in den Top-Journals zu platzieren. Im MISQ beispielsweise gab es 2008 ein Special Issue zum Thema und Alan Hevner ist gegenwärtig als Senior Editor für die Begutachtung gestaltungsorientierter Arbeiten zuständig. Auch zahlreiche weitere Top-IS-Journals haben sich bereits dem Thema angenommen (z.B. Peffers et al. im JMIS; March und Smith in DSS). Ich teile die im Memorandum vertretene Auffassung, dass die Anzahl an gestaltungsorientierten Publikationen in den Top-Journals bisher relativ gering war, und entsprechend schätze ich auch den Diskussionsbeitrag, den das Memorandum hier bisher geleistet hat (und sicherlich auch noch leisten wird). Dies lässt sich aber nicht nur an evtl. unterschiedlichen methodischen Interessen in den Editorial Boards dieser Journals festmachen (ein Eindruck, den das Memorandum aber vielleicht erwecken könnte). Im Vergleich zur Anwendung etablierter, sowohl qualitativer als auch quantitativer, Forschungsansätze gewinne ich zunehmend den Eindruck, dass es einerseits sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, einen gestaltungsorientierten Forschungsprozess angemessen durchzuführen und dass es andererseits auch problematisch ist, sämtliche Ergebnisse in einem einzigen Forschungspapier zu dokumentieren. Eine gute gestaltungsorientierte Arbeit hat Transparenz in Bezug auf viele Aspekte zu schaffen, z.B. Anforderungsanalyse, Wirkungsgrad und Reichweite, Neuartigkeit, theoretische Fundierung, Darstellung und Erläuterung des Artefakts, exemplarische Anwendung, Evaluation etc. Eine lückenlose Dokumentation dieser Aspekte kann schon den von manchen Journals vorgegebenen Rahmen (d.h. max. Anzahl an Zeichen, Wörtern, Seiten) schnell überschreiten. Ich halte die Durchführung und Publikation gestaltungsorientierter Forschung also per se für eine große Herausforderung und frage mich daher vielmehr, wie unser wissenschaftlicher Nachwuchs hier konkret durch das Memorandum unterstützt wird. Eine oft diskutierte Strategie (gerade im Kontext kumulativer Promotionen) ist es doch beispielsweise, gestaltungsorientierte Forschung nicht etwa zwingend „en bloc“ zu veröffentlichen, sondern einzelne Teilschritte in einem übergeordneten gestaltungsorientierten Prozess zu verankern, dann aber separat durchzuführen und entsprechend in „Teilpublikationen“ zu veröffentlichen (z.B. die Analyse von Anforderungen oder die Evaluation bestehender Artefakte). Gleichwohl ergibt sich hierbei natürlich die Schwierigkeit, den iterativen Prozess gestaltungsorientierter Forschung angemessen zu berücksichtigen (s.u.). Derartige Fragestellungen, mit denen sich viele Nachwuchswissenschaftler gegenwärtig konfrontiert sehen, werden im Memorandum aber bisher nicht näher behandelt. Diesbezüglich könnte das Papier vielleicht noch etwas gestärkt werden, was ich im Folgenden gerne noch genauer ausführen möchte.

(4) Anmerkungen zu den Empfehlungen

Die Empfehlungen im Memorandum empfinde ich teilweise noch als zu generell und wenig umsetzbar. Vielen gestaltungsorientierten Arbeiten fehlt es beispielsweise an einer gründlichen und nachvollziehbaren Evaluation der vorgestellten Artefakte. Eine wesentliche Ursache hierfür ist sicherlich auch in der Schwierigkeit zu sehen, die mit der Evaluation von Artefakten (resp. ihrer Dokumentation) einhergeht (denn: „Artefakte der Wirtschaftsinformatik sind [tatsächlich] selten (formal) beweisbar“). Hierzu zählen beispielsweise die Auswahl adäquater Forschungsmethoden, die Formulierung und Überprüfung geeigneter Hypothesen, die Implementierung und Erprobung des Artefakts in der Praxis und der hierzu erforderliche, häufig sehr hohe Zeitaufwand. Das Memorandum beschränkt seine Empfehlungen diesbezüglich bisher jedoch auf den folgenden Abschnitt:

„Rigorosität verlangt eine Überprüfung der geschaffenen Artefakte gegen die anfangs definierten Ziele und mittels der im Forschungsplan gewählten Methoden. Einen Teil übernehmen auch die Begutachtungsverfahren für wissenschaftliche Publikationen.“

Im Methodenteil finden sich außerdem noch die folgenden Informationen zur Artefaktevaluation:

„Zur Evaluation der Artefakte dienen Methoden wie das Laborexperiment, die Pilotierung (Anwendung eines Prototyps), die Simulation, die Prüfung durch Experten sowie das Feldexperiment (Einsatz bei vielen Probanden).“

Einerseits halte ich diese Vorgaben für nicht besonders konkret. Andererseits – und auch das haben wir ja bereits diskutiert – finde ich insbesondere auch nicht, dass ein Begutachtungsprozess anstelle des Evaluationsprozesses treten kann. Gutachter haben in der Regel gar keine Möglichkeit, ein vorgestelltes Artefakt zu evaluieren. Eine neue Software beispielsweise kann eigentlich nur in der praktischen Anwendung wirklich erprobt werden, oder, plakativ gesprochen: Wenn ein Bild (z.B. ein Screenshot) mehr als 1.000 Worte sagt, spart man sich durch den praktischen Umgang mit einem neuen Tool vielleicht 10.000 Worte, wenn nicht mehr. Auch geht es ja nicht nur um die „bloße“ Anwendung, sondern um die Beurteilung des Nutzens, den ein Artefakt in der Praxis entfalten kann (d.h. in einem konkreten Unternehmenskontext, dem Reviewer so aber nicht angehören). Hier wäre es sicherlich schön, konkrete Richtlinien für Nachwuchswissenschaftler zu schaffen, die erläutern, wie Artefakte evaluiert werden können.

Bei der Darstellung der Ergebnistypen könnte das Memorandum auch einen Bezug zu Design Theories, wie sie etwa von Shirley Gregor und David Jones (JAIS 2007) oder Joseph Walls und seinen Kollegen (1992; 2004) verstanden werden, herstellen. Derartige Theorien enthalten präskriptive Aussagen zur Gestaltung von Artefakten und könnten beispielsweise in den Ausführungen zu den Erkenntniszielen gestaltungsorientierter Forschung im Memorandum berücksichtigt werden:

„Die Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik sind Handlungsanleitungen (normative, praktisch verwendbare Ziel-Mittel-Aussagen) zur Konstruktion und zum Betrieb von Informationssystemen sowie Innovationen in den Informationssystemen (Instanzen) selbst.“

Ich vermute, dass so auch die im Memorandum dargestellten Erkenntnisziele besser verständlich und realisierbar würden. Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob gestaltungsorientierte Forschung – so wie sie im Papier beschrieben wird – primär auf „Erkenntnis“ aus ist. Hevner et al. (2004, S. 80) schreiben doch beispielsweise auch: „The goal of behavioralscience research is truth. […] The goal of designscience research is utility.“ Erkenntnisgewinn wird hier also eher der verhaltensorientierten Forschung zugesprochen. Während sie primär Forschungsfragen zu beantworten strebt, werden in der gestaltungsorientierten Forschung dagegen doch vielmehr praktische Probleme gelöst bzw. Forschungsziele erreicht (wobei o.g. Design Theories natürlich präskriptive Aussagen zur Artefaktkonstruktion beinhalten). Dass eine theoretische Grundlage hierzu nicht zwingend notwendig (wenngleich natürlich oftmals sehr wichtig, s.o.) ist, zeigt z.B. auch das folgende Zitat von Vaishnavi und Kuechler (2004-05): „Emphasizing the proactive nature of design research, they [March und Smith] point out that an instantiation sometimes precedes a complete articulation of the conceptual vocabulary and the models (or theories) that it embodies. […] aircraft flew decades before a full understanding of how such flight was accomplished. And, it is unlikely the understanding would ever have occurred in the absence of the working artifacts.” Entsprechend bin ich mir auch nicht sicher, ob im Memorandum wirklich von einem „Erkenntnisprozess“ oder von „Erkenntnismethoden“ gesprochen werden sollte, sondern vielleicht eher von „Gestaltungsprozessen und -methoden“ (oder allgemeiner von „Forschungsprozessen und -methoden“).

In dem im Memorandum beschriebenen Prozess gestaltungsorientierter Forschung kommt darüber hinaus zumindest eine weitere wichtige Aktivität noch etwas zu kurz: Bisher werden die folgenden Phasen unterschieden: Analyse, Entwurf, Evaluation und Diffusion. Zusammenhänge zwischen diesen Phasen werden jedoch kaum angesprochen (bis auf den kurzen Hinweis auf „Iterationen“). Persönlich verstehe ich gestaltungsorientierte Forschung aber gerade als einen höchst zyklischen Prozess (viele Artefakte werden dementsprechend auch in Action Research Studies entwickelt und evaluiert; vgl. z.B. Marcus et al. 2002; Jones und Gregor 2004). Ziel ist es ja, in der Praxis identifizierte Problemstellungen (Analyse) durch die Konstruktion innovativer Artefakte (Entwurf) zu lösen, die Problemlösungskapazität des Artefakts in der Evaluationsphase abzuschätzen (Evaluation) und die Ergebnisse zur Verbesserung des Artefakts kontinuierlich heranzuziehen. Dies kann durchaus sehr viele Evaluationen und Anpassungen des Artefakts erfordern (und damit sehr zeitaufwändig werden). Bei Vorliegen einer „zufriedenstellenden“ Lösung (in Bezug auf zu identifizierende (Meta-)Anforderungen) sind die Ergebnisse schließlich zu kommunizieren (Diffusion). Die Rückführung der Evaluationsergebnisse in die Entwurfsphase des Artefakts wird im Memorandum bisher jedoch nicht genauer beschrieben. Insgesamt bleiben die Empfehlungen meiner Meinung nach daher auch hier noch zu abstrakt. Junglas et al. (2010, S. 2) schreiben hierzu: „Also, many just don’t think that the Memorandum offers anything new beyond already published criteria.” Natürlich war es die Intention des Papiers, “die Freiheit von Lehre und Forschung [zu] respektieren“ und es WissenschaftlerInnen daher zu ermöglichen, „bezüglich Forschungsziel und Forschungsmethoden frei [zu] sein, solange er die oben genannten Prinzipien einhält“. Dies erfordert natürlich eine gewisse Allgemeinheit in der Präsentation. Gleichzeitig werden damit jedoch nur wenige konkret nutzbare Anhaltspunkte gegeben. Ich bin der Ansicht, detailliertere Empfehlungen würden den Beitrag entsprechend stärken.

Den Prinzipien gestaltungsorientierter Forschung (Abstraktion, Originalität, Begründung und Nutzen) stimme ich zwar generell zu. Die geforderte „Allgemeingültigkeit“ gestaltungsorientierter Forschung halte ich – aufgrund der Kontextspezifität der entwickelten Artefakte – aber für nur bedingt realisierbar (auch hier beziehe ich mich auf die Artefaktkonstruktion und nicht etwa auf die Entwicklung und Überprüfung von Design Theories). Eine ganz ähnliche Diskussion wurde ja auch im Bereich der Referenzmodellierung bereits geführt. Außerdem habe ich mich gefragt, ob ein Artefakt tatsächlich stets „validierbar“ präsentiert werden kann (z.B. ein Softwaretool). Dies könnte evtl. ausführlicher im Memorandum diskutiert werden (z.B. wird ja bereits von „öffentlich zugänglichem Sourcecode“ gesprochen).

Ich hoffe sehr, ich konnte einen kleinen Beitrag zur Weiterentwicklung des Memorandums leisten. Ich fand die bisherige Diskussion rund um das Papier sehr spannend und stimulierend, sehe aber – wie Du ja auch – durchaus noch Potenziale zu dessen Weiterentwicklung. Die Anmerkungen von Richard Baskerville und seinen Kollegen liefern meiner Ansicht nach hierzu wichtige Anhaltspunkte – ebenso wie das Editorial von Iris Junglas und ihren KollegInnen. Sicherlich wären diese Autoren umgekehrt auch an unserer gegenwärtigen Diskussion interessiert. Vielleicht sollten wir daher überlegen, die bisherigen Kommentare – und natürlich auch die Workshopergebnisse bei der WI 2011 – unseren englischen KollegInnen zugänglich zu machen (d.h. diese ebenfalls zu übersetzen). Gleichzeitig sollte diese Diskussion jedoch nicht übertrieben werden und in einer offenen und toleranten Weise fortgeführt werden. Ich fände es sehr schön, wenn mit dem Memorandum tatsächlich „Sicherheit“ für unseren wissenschaftlichen Nachwuchs geschaffen werden könnte (was ja ein erklärtes Ziel des Papiers ist). In ihrem Editorial schreiben Junglas et al. (2010, S. 2) aber: „The Memorandum may have created a split between those who have endorsed it and those who have not. It is growing as a major concern of doctoral students and junior faculty who are considering a career in academia. Rumors abound about fears that being identified on either side of the debate could lead to substantial disadvantages if this turns out to be ‘wrong’ side for the situation at hand.”

Ich denke, das Memorandum hat eine sehr wichtige Diskussion ausgelöst und nun wird es sicher darauf ankommen, dass die deutschsprachige Wirtschaftsinformatik eine gute Antwort gibt. Ich glaube aber, wichtiger noch als die Diskussion an sich wird es sein, gute gestaltungsorientierte Forschung durchzuführen und in die internationale Community einzubringen. In diesem Sinne sollte das Memorandum als Aufruf zur innovativen gestaltungsorientierten Forschung verstanden werden, die nicht nur einen hohen Nutzen in der Praxis entfaltet, sondern auch gleichermaßen sauber und nachvollziehbar durchgeführt und dokumentiert wird. Ich bin überzeugt, dass auch unsere internationalen Kollegen solche Arbeiten sehr schätzen werden. Dabei kann die deutschsprachige Wirtschaftsinformatik sicherlich von ihren Erfahrungen im gestaltungsorientierten Arbeiten profitieren, aber gleichzeitig doch auch noch viel von anderen – natürlich auch verhaltensorientierten – Arbeiten lernen.

„Eine große Chance der europäischen Wirtschaftsinformatikforschung liegt im Ausbau ihrer Stärke, der Gestaltungsorientierung, bei gleichzeitigem Nachweis ihrer wissenschaftlichen Rigorosität mittels anerkannter Verfahren der Erkenntnisgewinnung.“

Dem stimme ich zu.

Herzlich
Jan

 

Baskerville, R., Lyytinen, K., Sambamurthy, V., Straub, D. (2010): A response to the design-oriented information systems research memorandum, in: European Journal of Information Systems, 20 (1), S. 11-15.

Gregor, S., Jones, D. (2007): The anatomy of a design theory, in: Journal of the AIS, 8 (5), S. 312-335.

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Junglas, I., Niehaves, B., Spiekermann, S., Stahl, B. C., Weitzel, T., Winter, R., Baskerville, R. (2010): The inflation of academic intellectual capital: the case for design science research in Europe, in: European Journal of Information Systems, 20 (1) S. 1-6.

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Vaishnavi, V., Kuechler, W. (2004/5), Design research in Information Systems, January 20, 2004, last updated August 16, 2009, desrist.org/design-research-in-information-systems/.

Vaishnavi, V., Kuechler, W. (2008): Design science research methods and patterns: innovating information and communication technology, Auerbach Publications, Taylor & Francis Group, Boca Raton, Florida, USA.

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Walls, J.G., Widmeyer, G. R., El Sawy, O. A. (2004): Assessing information system design theory in perspective: how useful was our 1992 initial rendition?, in: Journal of Information Technology Theory and Application, 6 (2), S. 43-58.

 

Ulrich Frank, Universität Duisburg-Essen

Zur methodischen Fundierung der Forschung in der Wirtschaftsinformatik 

1. Forschungsmethodische Fundierung als Herausforderung und Chance

Die Wirtschaftsinformatik zielt auf Theorien und Methoden, die die Entwicklung und organisatorische Implementierung betrieblicher Informationssysteme fördern. Dabei werden Informationssysteme nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern dezidiert als Mittel zur Festigung oder Förderung der Wettbewerbsfähigkeit von Organisationen. Während über diese Ausrichtung international – also auch im Information Systems (IS) – weitgehend Einigkeit herrscht, gehen die Vorstellungen darüber, welche wissenschaftliche Vorgehensweise dazu angemessen ist, deutlich auseinander. IS zielt auf eine Unterstützung der Praxis durch Theorien, die bei hinreichender Prüfung als Grundlage für die Gestaltung von Informationssystemen dienen könnten. Dabei kommt der Betonung einer korrespondierenden, an idealisierte Prozesse naturwissenschaftlicher Forschung angelehnten Forschungsmethode eine zentrale Bedeutung zu: Die behavioristisch ausgerichtete empirische Sozialforschung basiert darauf Hypothesen, die sich aus Theorien ableiten lassen, durch empirische Untersuchungen zu prüfen. Auf diese Weise wird zu einer Validierung und ggfs. Anpassung von Theorien beigetragen. Ein solcher Ansatz scheint schlüssig und erfolgversprechend – zum einen, weil er auf die Entwicklung gehaltvoller Theorien zielt, zum anderen, weil er den expliziten Einsatz einer Forschungsmethode vorsieht, die gemeinhin „als Charakteristikum für wissenschaftliche Verfahren, und damit – pars pro toto – als Kennzeichen der Wissenschaften selbst“ ([Lore84], S. 876) gilt. Im Unterschied dazu ist die Forschung der Wirtschaftsinformatik in großen Teilen unmittelbar auf die Konstruktion innovativer Artefakte sowie den Entwurf korrespondierender organisatorischer Kontexte gerichtet. In letzter Zeit wird Forschung dieser Art als gestaltungs- oder konstruktionsorientiert bezeichnet. Beispiele für entsprechende Forschungsresultate sind Software-Prototypen, konzeptuelle (Referenz-) Modelle, Modellierungssprachen, Methoden, konzeptuelle Bezugsrahmen, Modelle unternehmensübergreifender Wertschöpfungsketten oder neue Geschäftsmodelle. Auch dieser Ansatz scheint plausibel, liefert er doch der Praxis eine gehaltvolle Orientierung für die Gestaltung und Nutzung zukünftiger Informationssysteme. Das beachtliche Ansehen, das die Wirtschaftsinformatik und ihre Absolventen in der Praxis genießen, spricht für diese Annahme. Allerdings war es bis vor wenigen Jahren in der Wirtschaftsinformatik nicht üblich, eine forschungsmethodische Fundierung explizit zu machen. Durch die Zunahme des grundsätzlich zu begrüßenden internationalen Wettbewerbs gerät die Konzeption der Wirtschaftsinformatik nicht zuletzt deshalb unter Druck. Vor diesem Hintergrund sieht sich die Disziplin vor zwei Aufgaben: So ist zunächst zu prüfen, ob es ein lohnender Ansatz ist, die Konzeption des IS zu übernehmen – und damit die dort vorherrschende Forschungsmethode. Falls diese Prüfung ergibt, dass IS als Vorbild nicht geeignet ist, ist eine methodische Fundierung zu etablieren, die den Besonderheiten der Forschung in der Wirtschaftsinformatik Rechnung trägt.

Die Forschungskonzeption von IS ist in vielfacher Hinsicht wenig erfolgversprechend. Ein Indikator dafür ist die erhebliche Unsicherheit und die beachtliche Unzufriedenheit in der Disziplin selbst. So wird seit Jahren in zahlreichen Publikationen immer wieder – in zum Teil dramatischer Rhetorik – die grundlegende Konzeption der Disziplin angezweifelt ([BaLa92],  [BeWe96], [LyKi04]. Symptomatisch dafür ist ein aktueller Beitrag, in dem die Autoren den Umstand beklagen, dass die Forschungsresultate von IS keinen nennenswerten Nutzen für die Praxis stiften [GiBh09]). Bei näherer Analyse findet sich dafür eine Reihe von Gründen (siehe auch [Fran06]). So bietet Forschung, die sich auf die Analyse bestehender Formen der Entwicklung und Nutzung von Informationssystemen beschränkt, nur ein begrenztes Potential, innovatives Handeln in der Praxis anzuregen. Zudem leidet die einschlägige Forschung an einem Mangel gehaltvoller Theorien, was mitunter dazu beiträgt erstaunlich triviale Erkenntnisse zu produzieren. Nicht zuletzt scheint die Vermittlung komplexer statistischer Verfahren in der Doktorandenausbildung wichtiger zu sein als die Entwicklung einer elaborierten Fachterminologie, die eine differenzierte Betrachtung des zentralen Untersuchungsgegenstands fördert. Angesichts dieser erheblichen Probleme, mit denen IS behaftet ist, wäre es eine schlechte Option dieses Modell für die Wirtschaftsinformatik zu übernehmen. Damit stellt sich die Frage nach einer angemessenen methodischen Fundierung der Forschung in der Wirtschaftsinformatik.

2. Anforderungen an eine Forschungsmethode

Die fortwährende Kritik an den Unzulänglichkeiten behavioristischer Forschung hat in IS dazu beigetragen auch anderen Forschungsansätzen einen Platz einzuräumen. Dabei ist zunächst an hermeneutische Methoden zu denken. Diese werden häufig auch als „qualitativ“ bezeichnet, wodurch ein Unterschied zur behavioristischen Forschung, die auch „quantitativ“ genannt wird, zum Ausdruck gebracht werden soll. Ein solcher Differenzierungsversuch ist bei näherer Betrachtung allerdings nicht angemessen, da Quantität und Qualität orthogonale Dimensionen sind. Hermeneutische Ansätze geben das Gebot der Objektivität von Forschung teilweise auf. Sie fußen auf der Annahme, dass der Zugang zu sozialen Systemen immer subjektiv ist. Im Unterschied zu behavioristischen Methoden, die auf Erklärung durch Verweis auf gehaltvolle und bewährte Theorien zielen, sind hermeneutische Methoden auf die Förderung des Verstehens von Handlungssystemen gerichtet: „Verstehen zielt darauf, dass der Zuhörer/Leser durch geeignete Assoziationen zu einem adäquaten geistigen Nachvollzug des jeweiligen Sachverhalts in die Lage versetzt wird – „... eine Form von Einfühlung oder innerem Nachvollzug der Atmosphäre.” ([Wri74], S. 20). Um einen solchen inneren Nachvollzug zu fördern, nutzt die hermeneutische Methode u.a. Assoziationen zu bekannten Mustern sinnlicher Wahrnehmung und kognitiver Konzeptualisierung – etwa in Form von Analogien oder Metaphern. Von besonderer Bedeutung für konstruktionsorientierte Forschung scheint eine Forschungsmethode zu sein, die vor einigen Jahren zusammen mit dem Begriff „Design Science“ veröffentlicht wurde. In der Tat werden mit diesem Ansatz die wissenschaftliche Entwicklung und Validierung von Artefakten im Sinne der Gestaltungsaufgabe der Wirtschaftsinformatik adressiert. Auch wenn der „Design Science“-Ansatz eine Reihe sinnvoller Vorschläge enthält, leidet er doch unter maßgeblichen Schwächen [Zele07].

Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie die Forschung in der Wirtschaftsinformatik methodisch überzeugend gestützt werden kann, sind vorab einige grundlegende Fragen zu klären. Sie betreffen die Differenzierung wissenschaftlicher Erkenntnisangebote von denen anderer Subsysteme der Gesellschaft, Merkmale von Forschungsmethoden und die Bedeutung von Forschungsmethoden für die Arbeit von Wissenschaftlern. Es ist unstrittig, dass in der Praxis sehr anspruchsvolle Artefakte der Art entwickelt werden, wie sie auch auf der Agenda der Wirtschaftsinformatik-Forschung stehen – wie etwa Architekturen komplexer Informationssysteme, umfangreiche konzeptuelle Modelle oder Modellierungssprachen. Nun ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, dass diese Artefakte auch den Anforderungen an wissenschaftliche Forschung genügen können – wissenschaftliches Arbeiten ist ja nicht notwendig denen vorbehalten, die wissenschaftlichen Institutionen angehören; aber dennoch sollten wir über Kriterien verfügen, die eine Differenzierung wissenschaftlich entwickelter Artefakte gegenüber den vielfältigen Angeboten der Praxis ermöglichen, nicht zuletzt, weil dies für die wissenschaftliche Identität – und Legitimation – der Wirtschaftsinformatik wichtig ist. Dazu bieten sich drei Postulate an, die grundsätzlich für wissenschaftliche Erkenntnis gelten: Originalität, Abstraktion und Begründung. Ein Erkenntnisangebot ist originell, wenn es in gewisser Hinsicht neu ist, also geeignet ist, sachkundige Betrachter zu überraschen. Abstraktion betont den Umstand, dass wissenschaftliche Arbeit sich nicht auf die Betrachtung eines Einzelfalls beschränken sollte, sondern immer darauf gerichtet sein sollte, auf viele gleichartige Fälle anwendbar zu sein. Begründung schließlich heißt, dass wissenschaftliche Erkenntnisangebote immer in nachvollziehbarer Weise begründet sein sollten. Die Erkenntnisangebote einer anwendungsorientierten Disziplin sollten zudem relevant sein, d.h. geeignet sein, in dem intendierten Anwendungsbereich einen Nutzen zu stiften. Das bedeutet nicht, dass dieser Nutzen unmittelbar zu realisieren ist – und sollte die Frage nicht ausklammern, an welche Interessen der prospektive Nutzen gebunden ist.

Neben diesen Merkmalen wissenschaftlicher Erkenntnis gilt für den Prozess der Forschung, dass sich Wissenschaftler in besonderem Maße den Voraussetzungen, Grenzen und Zielen ihres Tuns bewusst sein sollten. Eine Forschungsmethode unterstützt diese Reflexion, indem sie wichtige Zusammenhänge transparent macht. Wie auch die Analyse- und Entwurfsmethoden, die Forschungsgegenstand der Wirtschaftsinformatik sind, besteht eine Forschungsmethode aus einer sprachlichen Struktur im Sinne einer spezifischen Terminologie, einer Vorgehensweise und einer Reihe von Annahmen und Bewertungskriterien. Die Terminologie unterstützt die zielgerichtete Strukturierung wissenschaftlicher Arbeit. Hier ist u.a. an zentrale Begriffe wie Theorie, Hypothese, Modell usw. zu denken. Die Vorgehensweise beschreibt idealisierte Muster des Vorgehens bei der Durchführung von Forschungsvorhaben. Die grundlegenden Annahmen betreffen die epistemologische und ontologische Position, während Bewertungskriterien darauf zielen, die Begründung von Erkenntnisangeboten zu unterstützen.

3. Konstruktion von Forschungsmethoden – eine Skizze

Der im Folgenden skizzierte Ansatz zur Konfiguration von Forschungsmethoden basiert auf einer Reihe von Annahm

  • Die Differenzierung in verschiedene Formen der Forschung – wie behavioristisch, hermeneutisch oder konstruktionsorientiert – ist analytisch sinnvoll, bedeutet aber nicht, dass Forschungsprojekte sich diesen Formen exklusiv zuzuordnen sind. In vielen Forschungsprojekten der Wirtschaftsinformatik gibt es Facetten verschiedener Formen der Forschung.
  • Allein deshalb wäre es unangemessen, sich auf eine einzelne Forschungsmethode zu beschränken. Vielmehr ist eine Methode ein Werkzeug, das den Besonderheiten des jeweiligen Projekts angepasst werden sollte.
  • Darüber hinaus verleitet die Vorgabe einer bestimmten, weit verbreiteten oder in der jeweils relevanten wissenschaftlichen Gemeinschaft besonders ausgezeichneten Methode dazu, Forschungsfragen so zu wählen bzw. zu konstruieren, dass sie den Anforderungen dieser Methode genügen. Forschung sollte allerdings in erster Linie durch das Interesse an Erkenntnis motiviert sein.
  • Deshalb sollte der einzelne Forscher die Möglichkeit haben, eine methodische Fundierung zu wählen, die zur jeweiligen Forschungsfrage wie auch zu seinen spezifischen Fähigkeiten und Neigungen passt.

Auch wenn diese Annahmen deutlich machen, dass sich die Wirtschaftsinformatik nicht allein auf konstruktionsorientierte Forschung beschränken sollte, sind die folgenden Ausführungen doch insbesondere auf diese Art der Forschung gerichtet. Das liegt an den spezifischen wissenschaftstheoretischen Problemen, die mit konstruktionsorientierter Forschung einhergehen. Die Darstellung muss sich an dieser Stelle auf wesentliche Aspekte beschränken Eine ausführliche Beschreibung des Konfigurationsansatzes findet sich in [Fran06]. Eine besondere Herausforderung, die mit konstruktionsorientierter Forschung verbunden ist, ergibt sich durch das Begründungspostulat. Eine Aussage zu begründen heißt grundsätzlich, sie auf gemeinhin akzeptierte bzw. evidente Aussagen zurückzuführen. Wenn dies nicht möglich ist, ist die Wahrheit der Aussage dediziert zu prüfen. Dazu ist ein Wahrheitskonzept zu wählen. Der Korrespondenzbegriff der Wahrheit besagt, dass ein Satz dann wahr ist, wenn er mit dem beschriebenen Sachverhalt übereinstimmt. Der Korrespondenzbegriff der Wahrheit ist typisch für die behavioristische Methode. Das entsprechende Prüfverfahren beinhaltet die Operationalisierung der zentralen Größen sowie die Erfassung der korrespondierenden Ausprägungen in einer repräsentativen Auswahl. Es liegt auf der Hand, dass die Prüfung eines in der Wirtschaftsinformatik-Forschung entwickelten Artefakts gegen die Realität kaum gelingen kann: Es handelt sich bei einem solchen Artefakt ja nicht allein um einen technischen Entwurf, sondern immer auch um den Entwurf korrespondierender Handlungssysteme – wir könnten also auch sagen: um den Entwurf einer möglichen Welt [Fran09]. Der Kohärenzbegriff der Wahrheit besagt, dass ein Satz dann als wahr angesehen wird, wenn er widerspruchsfrei und kohärent in anerkanntes Wissen eingebettet werden kann. Das klassische Prüfverfahren dazu besteht aus Literaturanalysen, kann aber auch Befragungen umfassen. Vom Konsensbegriff der Wahrheit spricht man dann, wenn der Wahrheitswert einer Aussage durch einen Konsens im Kreis anerkannter Experten unter Berücksichtigung gewisser Kommunikationsregeln erzielt wurde. Kohärenz- und Konsensbegriff der Wahrheit sind wichtige Elemente hermeneutischer, interpretativer Begründungsansätze. Ein von diesen Wahrheitsbegriffen deutlich zu unterscheidendes Konzept stellt das der formalen Wahrheit dar. Es beschränkt sich auf Aussagen über Eigenschaften formaler Systeme, kann also nicht auf Aussagen mit empirischem Gehalt angewendet werden – bietet aber dafür den Vorteil, dass die Zuordnung von Wahrheitsprädikaten bewiesen werden kann. Damit kommen wir zu einer weiteren Hypothese, auf der der hier vorgestellte Ansatz basiert: Wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht exklusiv an einen Wahrheitsbegriff gebunden. Die Wahl des jeweils angemessenen Wahrheitsbegriffs hängt von Merkmalen der zu prüfenden Aussage bzw. des Gegenstands, auf den sie sich bezieht, ab (siehe 3). Es ist offensichtlich, dass Wahrheit allein nicht hinreicht, um die Ergebnisse konstruktionsorientierter Forschung zu begründen. Vielmehr handelt es sich dabei ja um Konstruktionen, die auf die Erfüllung bestimmter Ziele gerichtet sind. Ziele bzw. die sie begründenden Intentionen sind allerdings nicht durch einen Wahrheitswert gekennzeichnet. Eine Konstruktion kann also lediglich auf ihre Angemessenheit für die Erreichung der Gestaltungsziele geprüft werden. Eine solche Prüfung kann allerdings wahrheitsfähige Aussagen beinhalten: Wenn das Ziel Z erreicht werden soll, dann ist die Maßnahme M effektiv.

Grundlage der Konfiguration ist neben den bereits genannten Erkenntnispostulaten das Transparenzpostulat. Es besagt, dass alle Annahmen, auf denen eine Konstruktion beruht, explizit zu machen sind, sofern sie nicht evident sind oder von einem weitgehenden Konsens in der Disziplin ausgegangen werden. Dabei sind allerdings einige Besonderheiten konstruktionsorientierter Forschung zu berücksichtigen. Häufig hat man es mit Annahmen zu tun, die einen doppelten Begründungsanspruch mit sich bringen. Der erste bezieht sich auf die grundsätzliche Eignung eines Entwurfsmerkmals, die Erreichung eines vorgegebenen Ziels zu unterstützen. Der zweite bezieht sich darauf, ob diese grundsätzliche Eignung auch tatsächlich erfolgreiches Handeln befördert – ob und wie also eine entsprechende Systemeigenschaft von den prospektiven Anwendern genutzt wird. Betrachten wir dazu folgendes Beispiel: „Modelle der IT-Architektur und des relevanten Einsatzkontextes sind ein geeignetes Instrument zur Unterstützung der strategischen IT-Planung.“ Unabhängig von der nicht trivialen Frage, welchen Anforderungen solche Modelle im Detail genügen sollten, lässt sich diese Aussage im Hinblick auf die grundsätzliche Eignung gut begründen. Dazu genügen wenige Schritte: Die Aussage, dass der Gegenstand der strategischen IT-Planung komplex ist, kann entweder als Konsens vorausgesetzt oder durch eine kurze Betrachtung des Gegenstands erläutert werden. Die Aussage, dass Komplexität (Planungs-) Entscheidungen erschwert, kann ebenfalls als Konsens vorausgesetzt werden. Hier kann ggfs. auch auf geeignete Theorien aus der kognitiven Psychologie verwiesen werden. Da Modelle per definitionem zielgerichtete Abstraktionen sind, ist die mit ihnen verbundene Komplexitätsreduktion begriffsinhärent und muss nicht weiter begründet werden. Im Unterschied dazu weist die Aussage, dass Modelle, die mit einer dedizierten Modellierungssprache erstellt wurden, auf Akzeptanz bei den prospektiven Anwendern stoßen, einen empirischen Gehalt auf. Deren Prüfung ist ungleich schwieriger. Eine empirische Untersuchung, wie sie der behavioristische Ansatz nahelegt, setzt voraus, dass es geeignete Theorien gibt, aus denen sich eine entsprechende Aussage ableiten lässt. Das ist häufig nicht der Fall. Führt man dennoch Umfragen oder ein Experiment mit ausgewählten Akteuren der Zielgruppe durch, sind die Ergebnisse i.d.R. nicht zu verallgemeinern: Die Beweggründe der Akteure sind u.a. von individuellen Präferenz- und Qualifikationsmustern abhängig – und die können kaum als invariant unterstellt werden. Sie sind vielmehr häufig kontingent, können also in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten.

Eine weitere Besonderheit konstruktionsorientierter Forschung ist darin zu sehen, dass Anforderungen mitunter in Konkurrenz oder gar im Widerspruch zueinander stehen. Beispielsweise konkurrieren die Anforderungen Flexibilität und Integration: Während Flexibilität eher für eine Architektur mit loser Kopplung spricht, erfordert ein hohes Integrationsniveau eine enge Kopplung. Daraus könnte die Anforderung abgeleitet werden, den Konflikt zu entschärfen – etwa durch die Einführung geeigneter Abstraktionskonzepte. Oder aber man gibt einer der beiden konkurrierenden Anforderungen eine höhere Präferenz. Die Begründung einer entsprechenden Entscheidung ist problematisch. Eine geeignete Theorie dürfte nicht verfügbar sein. Eine Erhebung in der Praxis ist mit der Schwierigkeit verbunden, dass die Auswirkungen der Entwurfsentscheidung in ihrer Gesamtheit schwer zu vermitteln sind – und dass ihre Beurteilung durch prospektive Anwender wiederum kontingent ist.

Zur Erläuterung der Konfiguration einer Forschungsmethode betrachten wir ein gängiges Vorgehen zur Entwicklung von Artefakten: Motivation, Anforderungsanalyse, Entwurf, Evaluation. Die Motivation ist darauf gerichtet zu zeigen, dass das fokussierte Problem relevant ist und eine Forschungslücke adressiert. Die Analyse der Anforderungen zielt auf die möglichst präzise Formulierung der Anforderungen, denen das zu entwickelnde Artefakt genügen soll. Der Entwurf besteht in der schrittweisen Entwicklung des Artefakts. Dabei geht es vor allem darum, die maßgeblichen Entwurfsentscheidungen zu benennen. Die Evaluation schließlich dient der Prüfung des Artefakts im Lichte der zuvor formulierten Anforderungen. In allen Phasen sind alle nicht evidenten bzw. nicht offensichtlich konsensfähigen Annahmen, die den Entscheidungen oder Urteilen zugrunde liegen, transparent zu machen. Zur Begründung ist dann ein geeignetes Kriterium zu wählen (siehe Tabelle 1). Dabei kann sich herausstellen, dass das korrespondierende Begründungsverfahren aus triftigen Gründen – wie etwa einem übermäßig großen Ressourcenbedarf – nicht zu leisten ist. In solchen Fällen ist auf ein schwächeres Begründungsverfahren auszuweichen. Im genannten Beispiel könnte dies darin bestehen, in der Literatur nach stützenden Aussagen zu suchen, die bereits begründet sind. Dabei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass ein solcher Ansatz nur dann überzeugend ist, wenn die Literatur nicht selektiv allein nach passenden Aussagen durchsucht wird. Im Grenzfall ist es durchaus möglich, eine sinnvoll erscheinende Annahme, für die noch keine überzeugende Begründung erbracht werden kann, als Arbeitshypothese zu kennzeichnen. Damit wird dem Transparenzpostulat genügt und ein Erkenntnisangebot gemacht, dessen Prüfung noch zu leisten ist. Die in Tabelle 1 dargestellten Kriterien dienen dazu, die Wahl eines Begründungskriteriums und des daran geknüpften Verfahrens zu unterstützen. Der formale Wahrheitsbegriff ist dabei ausgespart, weil seine Anwendungsvoraussetzungen klar sein sollten.

Korrespondenzbegriff

Voraussetzung

Es existiert eine gehaltvolle Theorie, aus der die Hypothese abgeleitet werden kann. Eine Theorie ist gehaltvoll, wenn sie einen nennenswerten Informationsgehalt hat und bewährt ist. Falls keine Theorie existiert, sondern lediglich eine Erhebung bezüglich einer interessierenden Merkmalsausprägung durchgeführt wird (z.B.: „CIOs halten IT-Management Dashboards für ein wirksames Instrument der Entscheidungsunterstützung.“), kann durch das wie auch immer geartete Ergebnis allenfalls eine eingeschränkte Begründung geleistet werden.

Verfahren

Eine empirische Feldstudie kommt in Frage, wenn sich die Hypothese ohne nennenswerte Verzerrungen operationalisieren lässt – die messbaren Größen also den untersuchenden Sachverhalt angemessen abbilden. Gleichzeitig sollte das Messverfahren reliabel sein – es sollte also die unterschiedlichen Ausprägungen der zu messenden Größen zuverlässig differenzieren. Eine weitere Voraussetzung ist die Verfügbarkeit einer repräsentativen Auswahl von Untersuchungsobjekten. Ein Feldexperiment ist dann eine Option, wenn es möglich ist, die Ausprägung der unabhängigen Variable kontrolliert zu ändern. Ein Laborexperiment kommt in Frage, wenn der zu untersuchende Sachverhalt im Labor ohne nennenswerte Verzerrungen reproduziert werden kann. Eine Fallstudie wäre allenfalls geeignet, um eine Hypothese und damit die Theorie, aus der sie abgeleitet wurde, zu falsifizieren. Allerdings ist der Anspruch an Theorien in den Sozialwissenschaften nicht so hoch, dass die Widerlegung in einem Fall als hinreichend angesehen würde.

Kommentar

In den meisten Fällen scheitert die Anwendung des Korrespondenzbegriffs der Wahrheit daran, dass keine gehaltvolle Theorie verfügbar ist. Daneben sind auch die Anforderungen an die korrespondierenden Verfahren häufig nicht befriedigend zu erfüllen. Hier ist insbesondere an den Aufwand zu denken, der mit einer repräsentativen Implementierung eines zu evaluierenden Artefakts verbunden ist.

Kohärenzbegriff

Voraussetzung

Es existieren Begründungen in der Literatur, die zur Stützung der Hypothese verwendet werden können. Die Hypothese sollte sich nicht auf singuläre Sachverhalte beschränken, sondern mit einem Generalisierungsanspruch verbunden sein (Abstraktionspostulat).

Verfahren

Im Rahmen einer Literaturstudie werden brauchbare Quellen gesucht. Anschließend wird durch geeignete Interpretationen und Analysen eine Argumentation entwickelt, die zur Begründung der Hypothese beiträgt. Alternativ ist es möglich, eine Expertenbefragung durchzuführen, um zu prüfen, ob die Hypothese mit dem dadurch ermittelten, besonders ausgezeichneten Wissen kohärent ist.

Kommentar

Literaturstudien wie auch Expertenbefragungen bergen die Gefahr von Verzerrungen. So werden gern bevorzugt solche Literaturstellen gewählt, die das jeweils intendierte Prüfungsergebnis stützen. Die Qualität von Expertenbefragungen hängt davon ab, wie gut die jeweiligen Antworten selbst fundiert sein.

Konsensbegriff

Voraussetzung

Auch hier gilt wieder, dass die Hypothese sich nicht auf singuläre Sachverhalte beschränken sollte.

Verfahren

Die Anwendung des Konsensbegriffs erfordert im Idealfall die Organisation eines rationalen Diskurses. Die Teilnehmer müssen sachkundig sein, dürfen nicht opportunistisch sein und sollten sich frei äußern dürfen (entsprechende Vorgaben finden sich in [Habe81] und [Lore74]). In relaxierter Form kann ein solcher Diskurs durch die Gegenüberstellung von Argumenten aus der Literatur rekonstruiert werden.

Kommentar

Die Organisation rationaler Diskurse ist mit erheblichen methodischen Herausforderungen verbunden, da die Entscheidung darüber, ob die Diskursvoraussetzungen hinreichend erfüllt ist, ein erhebliches Verzerrungspotential enthält. Hinzu kommt, dass die wie auch immer identifizierten Experten in den meisten Fällen nicht verfügbar sein dürften. Im Idealfall können Begutachtungsprozesse – wenn sie denn zu einem Konsens führen – auch als Prüfinstanz angesehen werden. Allerdings erwarten Gutachter i.d.R. bereits eine überzeugende Begründung.

Tabelle 1: Kriterien zur Auswahl eines Begründungsverfahrens

4. Abschließende Anmerkungen

Im vorliegenden Beitrag wurde skizziert, wie eine Forschungsmethode konfiguriert werden kann. Ein solcher Ansatz ist dabei keineswegs auf konstruktionsorientierte Forschung beschränkt, sondern auf jede Form der Forschung in der Wirtschaftsinformatik (und darüber hinaus) anwendbar. Auch wenn der Ansatz Kriterien enthält, die die Konfiguration anleiten, sind die Konfigurationsentscheidungen im Einzelfall vor dem Hintergrund des spezifischen Forschungsgegenstands und den Möglichkeiten und Interessen des Forschers zu treffen. Der Forscher sollte sich also seine Methode selbst erarbeiten und kritisch evaluieren, indem er sie bewusst und reflektiert anwendet – als Grundlage seiner wissenschaftlichen Arbeit und als Kondensat seiner Erfahrung als Forscher. Dieser Umstand ist deshalb zu betonen, weil mitunter der Eindruck entsteht, es gäbe „etablierte“ Forschungsmethoden, deren Anwendung man eben erlernen muss. Eine solche Sicht ist verständlich, da sie das Sicherheitsbedürfnis vieler Akteure adressiert. Sie ist allerdings nicht überzeugend, da sie gegen grundlegende Charakteristika der Wissenschaftskultur – nämlich Freiheit und Kritik (natürlich auch gegenüber Methoden!) verstößt. Zur Dokumentation von Forschungsergebnissen ist es nicht immer notwendig, die jeweils verwendete Forschungsmethode explizit zu machen. Vor allem ist es i.d.R. nicht angemessen, der Darstellung der Forschungsmethode mehr Raum einzuräumen als der Beschreibung der Ergebnisse. Allerdings sollte die Entwicklung und Darstellung der Forschungsergebnisse in jedem Fall die jeweils verwendete Methode erkennen lassen.

Literatur

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Lorenzen, P.: Konstruktive Wissenschaftstheorie. Suhrkamp: Frankfurt/M. 1974

Lorenz, K.: Methode. In: Mittelstraß, J. (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2. Bd., Bibliographisches Institut: Mannheim, Wien, Zürich 1984, S. 876-879

Lyytinen, K.; King, J.L.: Nothing At The Center?: Academic Legitimacy in the Information Systems Field, Journal of the Association for Information Systems, Volume 5, No. 6 (2004), pp. 220 – 246

Myers, M.D.; Baskerville, R.L.: Commentary on Gill and Bhattacherjee:  Is There an Informing Crisis? In: MISQ, Vol. 33, No. 2, 2009, S. 663-665

Wright, G. H. v.: Erklären und Verstehen. Athenäum: Frankfurt/M. 1974

Zelewski, S.: Kann Wissenschaftstheorie behilflich für die Publikationspraxis sein? Eine kritische Auseinandersetzung mit den "Guidelines" von Hevner et al. In: Lehner, F., Zelewski, S. (Eds.): Wissenschaftstheoretische Fundierung und wissenschaftliche Orientierung der Wirtschaftsinformatik. GITO: Berlin 2007, S. 74-123

 

Oliver Günther, Humboldt-Universität zu Berlin

Ungeachtet der atmosphärischen Störungen, die die Publikation des Memorandums hervorgerufen hat (und die bei einem etwas diplomatischeren Vorgehen auch teilweise vermeidbar gewesen wären), ist die durch das Dokument ausgelöste Diskussion durchaus zu begrüßen. Schließlich werden hier einige ganz zentrale Fragen unserer Disziplin aufgegriffen, wie z.B.:

  • Welche methodischen Ansätze sind für unsere Disziplin typisch bzw. akzeptabel?

  • Wie bemisst sich der Erfolg einer Forschungsarbeit in unserer Disziplin?

  • Wie schneiden die unterschiedlichen methodischen Ansätze vor dem Hintergrund der gewählten Erfolgskriterien ab?

  • Gibt es regions- und kulturspezifische Unterschiede, was die Antworten auf die o.g. Fragen angeht?

  • Gibt es Teilgemeinschaften innerhalb der Wirtschaftsinformatik, die – bewusst oder unbewusst – vornehmlich eine spezifische Methodik bzw. ein spezifische Forschungsparadigma bevorzugen? Wenn ja, warum?

  • Wenn es solche Teilgemeinschaften gibt, wäre mehr Kooperation zwischen diesen Teilgemeinschaften wünschenswert, um insgesamt belastbarere und relevantere Forschungsergebnisse zu erzielen?

Jede wissenschaftliche Disziplin sollte sich derartige Fragen eigentlich regelmäßig stellen, da sie für die Rolle der Disziplin in der Gesellschaft höchst relevant sind und da die Antworten ja auch einer enormen Dynamik unterliegen. In den letzten Jahren hat sich insbesondere die Globalisierung der Forschung (und der Publikationsforen) nachhaltig bemerkbar gemacht. Vorwürfe, wonach Beiträge vor allem deshalb abgewiesen wurden, weil sie eine für das jeweilige Forum untypische Methodik verwenden, haben zugenommen.

Eine so manifestierte Methoden-Engstirnigkeit ist gerade in einer inhärent interdisziplinären und polymethodischen Disziplin wie der Wirtschaftsinformatik der falsche Weg. Ich selbst habe in meiner Forschung mehrfach erlebt, wie gerade der bewusste Einsatz mehrerer Methoden zur Lösung desselben Problems zu belastbareren und relevanteren Lösungen führte. Gerade die Wirtschaftsinformatik sollte sich als Musterbeispiel für Methodenoffenheit und Methodenvielfalt nach außen präsentieren. Dies heißt nicht, dass wir nun auch astrologische Aszendentenforschung in Betracht ziehen sollten. Aber bewährte Ansätze wie der behavioristische und der gestalterische Ansatz müssen in unserer Disziplin (und auch in ein- und demselben Journal!) parallel existieren können, manchmal im Sinne einer konstruktiven Konkurrenz, oft (und vielleicht zunehmend) aber auch in einem symbiotischen Miteinander. Diese Methodenvielfalt sowie die unterschiedlichen methodischen Hintergründe der in der Wirtschaftsinformatik arbeitenden Forscher sind Grundlage unseres Erfolgs. Wir sollten darauf stolz sein und uns nicht dafür entschuldigen.

Also: Lasst viele Blumen blühen!

 

Felix Hampe, Universität Koblenz-Landau


Nachdem das Memorandum wachsendes Interesse auch in internationalem Kreisen gefunden hat und die Publikation in EJIS erfolgt, habe ich meinen Kommentar ursprünglich in englischer Sprache verfasst, liefere aber eine deutschsprachige Version gern nach.

Zunächst möchte ich ausdrücklich meinen Dank und meine Unterstützung gegenüber den Autoren des Memorandums für ihre Initiative ausdrücken, und dies gerade in Anbetracht der z.T. harschen Kritik seitens anderer hochgeschätzter Vertreter unserer akademischen Gemeinschaft.

Aus meiner Sicht war das Memorandum überfällig, spätestens nachdem der wohlbekannte, durch seine Beurteilungen und Ratschläge provozierende Artikel “Why the Old World Cannot Publish“ veröffentlicht wurde. Meines Erachtens spiegelt dieser Beitrag in vielerlei Weise eine Tendenz wieder, die ich als typisch für viele US-dominierte Publikationsforen beobachtet zu haben glaube: ein Defizit an Wissenschaftspluralismus aufweisend.
Es hat mich umso mehr gefreut, dass diese Einstellung nicht durchgängig verbreitet ist und einige der höchstgeschätzten Repräsentanten unserer Wissenschaftsgemeinde eine deutliche pluralistischere Position befürworten. Beispielhaft zu nennen ist hier Bob Galliers, der in seinem eingeladenen Gastvortrag auf der  ACIS 2010 in Brisbane einen nachdrücklichen Aufruf zum Pluralismus in der Wirtschaftsinformatik (gemeint ist das nicht-deutschsprachige Gebiet MIS oder IS Research) formuliert hat.
Die Entgegnung zum Memorandum in der EJIS-Ausgabe scheint diesen Standpunkt ebenfalls einzunehmen. Wichtig wird es nun sein, diese Öffnung hin zum Pluralismus in Aktion umgesetzt zu sehen, damit vielfältige Wissenschaftsansätze sich entwickeln und aufblühen dürfen.

Viele der Nachwuchsakademiker an ausländischen Universitäten (zumindest von denen, die ich in Seminaren über die letzten Jahre kennen lernen durfte) wertschätzen es, wenn sie mit einer pluralistischen Sichtweise konfrontiert werden, wie in exzellenter Form von unserem Kollegen Ulrich Frank niedergelegt in “Towards a Pluralistic Conception of Research Methods in Information Systems Research“. Dieser Beitrag sowie das Memorandum selbst gehören inzwischen zur Pflichtlektüre in meinen Forschungs- und Doktorandencolloquien zur IS bzw. Wirtschaftsinformatikforschung.

Als eine weitere Augenblicksaufnahme aus unser Nachbardisziplin Informatik möchte ich einen Abschnitt eines aktuellen Tagungsaufrufs zitieren, der als Beispiel für eine Öffnung hin zur gestaltungsorientierten Forschung in einer durchaus erfolgreichen und anerkannten akademischen Teildisziplin dienen soll. Man liest im CFP: 2nd ACM SIGHIT International Health Informatics Symposium (IHI 2011):

IHI 2011 serves as a venue for the discussion of innovative technical contributions highlighting end-to-end applications, systems, and technologies, even if available only in prototype form (e.g., a system is not deployed in production mode and/or evaluation may be performed by giving examples). We strongly encourage authors to submit their original contributions describing their algorithmic contributions, methodological contributions, and well-founded conjectures based on an application-oriented context. A paper does not have to be comprehensive and can focus on a single aspect of design, development, evaluation, or deployment.

Contributions in the realm of social and behavioural issues might include empirical studies of health-related information use and needs, socio-technical studies on the implementation and use of health information technology, studies on health informatics in the context of community impact and implications, studies on public policies on leveraging health informatics infrastructure, among others.

Mir sind wirklich nicht viele Publikationsvarianten (Konferenzen, Journale) der Wirtschaftsinformatik oder in MIS bekannt, bei denen Beitragseinladungen mit einem derart offenen Wissenschaftsverständnis zu finden sind, obwohl eigentlich doch nicht so völlig unterschiedliche Phänomene erforscht werden, dass dies nicht zu erwarten wäre.

Zum Abschluss will ich die Diskussionsaspekte noch auf ein wenig ausweiten, indem ich (vielleicht etwas nassforsch) ein paar Fragenkomplexe zu den möglichen Gründen dieser offensichtlich sehr kontroversen Positionen aufwerfe, was denn die dominanten Höchststandards der IS- bzw. Wirtschaftsinformatikforschung sind oder sein sollen:

  • Welcher Prozentsatz von Artikeln in den letzten 10 Jahren aus der Sammlung der wichtigsten IS/MIS-Journale (aka “basket of eight”) hat einen ernsthaften Einfluss innerhalb oder auch außerhalb der akademischen Gemeinschaft gehabt? Gemeint ist, dass sie tatsächlich bekannt sind (noch wahrgenommen werden) und Ergebnisse produzierten, die für die IT/WI-Realwelt von irgendeiner nachhaltigen Bedeutung blieben?
  • Könnte die Entwicklung der Curricula vieler WI-Abteilungen in Fakultäten dazu geführt haben, dass die software-technischen Fähigkeiten der Absolventen nicht mehr hinreichen, nicht-triviale Prototyplösungen zu entwickeln oder zu implementieren? Zwingt dies nachgerade die Absolventen und insbesondere Doktoranden sich der behavioristischen Forschung zuzuwenden, weil ihnen die Grundlagen zur technischen Artefaktentwicklung fehlen?
  • Wie verhält sich dies bei den betreuenden Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern, die ja zudem unter dem stetigen Druck stehen, hohen Publikationsausstoß zu generieren, um Beförderung oder Budget sicherzustellen? (Man vergleiche dazu die mehrfachen Anmerkungen im EJIS-Editorial).

(An dieser Stelle kann ich nicht widerstehen, beispielhaft auf die unzähligen, erfolgreich publizierten TAM-Beiträge in IS-Organen zu verweisen, die zumeist auf bestenfalls mittelgroßen Stichproben aus der Studentenpopulation basieren, darauf ausgefeilte Statistikmethoden anwenden um am Ende zu mehr oder minder trivialen, vielfach nur für kurze Zeit haltbaren Ergebnissen führen. Allein für meinen Spezialbereich der mobilen IKT-Lösungen und -Mehrwertdienste habe ich diese dutzendweise in den letzten Jahren wahrgenommen.)

  • Schauen wir also auf ein selbstreproduzierendes System, indem Gutachter  möglicherweise zur Akzeptanz gerade solcher Beiträge tendieren, zu deren Ergebniserstellung sie wegen Interessenlage und Expertise selbst in der Lage gewesen wären?
  • Hat diese einengende Tendenz zur viel diskutierten „Crisis in IS“ beigetragen (die hierzulande ja nicht so gravierend ausfiel)? Und auch hier abermals gefragt: ist das gegenwärtig praktizierte System das beste denkbare Design mit Bezug auf die Spezifikation von Bewertungsrangordnungen für Publikationen, der Feststellung akademischer Reifegrade oder für die Vergabe von Fördermitteln? Behandeln wir die nächste Generation von angehenden akademischen Forschern fair, wenn wir deren Forschungsziele und Rahmenbedingungen derart vordefinieren?

Aus meiner Sicht sollte das Memorandum als “food for thought” aufgefasst werden, also eine offene, friktionsfreie und faire Diskussion stimulieren. Dabei unterstütze ich auch die Autoren in ihrer Initiative, das Establishment der Herausgeber insbesondere der einschlägigen Wissenschaftsjournale herauszufordern, denn dies führt offensichtlich zu solchen aufschlussreichen Entgegnungen wie der in der EJIS-Ausgabe – wenngleich: liest sich diese nicht schon wieder ein wenig selbstgefällig?

 

Thomas Hess, Ludwig-Maximilians-Universität München

Der vorliegende Beitrag stellt die schriftliche Ausarbeitung eines Kurzvortrags dar, den der Verfasser im Rahmen eines Workshops zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik am 17. September 2009 an der Universität St. Gallen gehalten hat. Es handelt sich nicht um einen direkten Kommentar zum Memorandum, sondern dient der Vertiefung von Teilaspekten.

 

Erkenntnisgegenstand der (gestaltungsorientierten) Wirtschaftsinformatik

1. Hintergrund

Gestaltungsorientierte Forschungsansätze nehmen in der deutschsprachigen Wirt­schafts­informatik traditionell einen großen Raum ein (vgl. z.B. Wilde/Hess 2007). Gerade aus der Praxis erfährt diese For­schungs­richtung breite Anerkennung. In den letzten Jahren ist vermehrt Kritik an der metho­dischen Stringenz zu hören. Vor diesem Hintergrund ist eine Bewegung entstanden, die das methodische Profil der gestaltungsorien­tierten Wirtschafts­infor­matik stärken will. Wichtig für eine derartige Betrachtung ist die Frage nach dem Erkenntnisgegenstand.

Dieser Frage widmet sich der vorliegende Kurzbeitrag in drei Schritten. In einem ersten Schritt arbeitet er zunächst den Objektbereich der Wirtschaftsinformatik heraus. Darauf aufbauend folgt eine Identifikation der wichtigsten Themenfelder der Wirtschaftsinformatik, ebenfalls wiederum im Allgemeinen. Abschließend erfolgt eine Spezialisierung dieser Ergebnisse auf die spezielle Sicht einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik.

2. Objektbereich der Wirtschaftsinformatik

Objekt der Wirtschaftsinformatik sind Informationssysteme in Unternehmen und Ver­wal­tungen sowie deren Anwendungs­kontext (vgl. Mertens z.B. et al. 2006, S. 1). Derartige Informations­systeme können als sozio-ökonomische Systeme aufgefasst werden, die aus einer personellen Komponente (den Menschen), einer maschinellen Komponente (der Informa­tions­technik) und den zu unterstützenden Aufgaben (d.h. dem Anwendungskontext) bestehen. Abbildung 1 zeigt dieses Grundverständnis in schematischer Form.

 

Abbildung 1: Informationssysteme als sozio-ökonomische Systeme

 

Verkürzt ist diese Definition an mindestens drei Punkten. Zunächst sind nur jene Infor­ma­tions­­­­­systeme für die Wirtschaftsinformatik relevant, die über eine maschinelle Kompo­nente ver­fügen – d.h. rein papierbasierte Informationssysteme sind z.B. nicht von Interesse. Präzise müsste man daher von IT-basierten Informationssystemen sprechen. Synonym für dieses etwas sperrige Wort finden sich gelegentlich die Begriffe Anwendungs­systeme bzw. Application Software.

Darüber hinaus geht es um Informations- und Kommunikationssysteme und nicht nur um Informa­tions­systeme als Objekt. Analog geht es um Informations- und Kommuni­kations­technik und nicht nur um Informationstechnik als Aufgabenträger. Auch auf diesen Zusatz verzichtet man in der Kurzversion.

Auch ist der Ausdruck „in Unternehmen und Verwaltungen“ etwas verkürzend. Natürlich haben zunächst Unternehmen und Verwaltungen Informationssysteme eingeführt, die aus­schließlich intern genutzt wurden. Mit der Verfügbarkeit leistungsfähiger Kommunikations­netze (allen voran dem Internet) wurden diese Systeme aber zunehmend für Kunden und andere Geschäftspartner ge­öffnet. Darüber hinaus werden Informationssysteme heute auch zur teil- oder sogar voll­automatischen Abwicklung von Märkten eingesetzt. Prominente Beispiele hierfür finden sich z.B. im Finanzsektor. Genauso sind Informationssysteme mittlerweile Produkte bzw. Basis von Dienstleistungen, die sowohl von kommerziellen als auch von privaten Anwendern genutzt werden – zum letzten Punkt denke man z.B. nur an Auktionsplattformen wie eBay oder Distributionssysteme für Musik wie etwa der Apple Music Store.

Betont sei noch, dass die Betrachtung des Anwendungskontextes für eine wirtschafts­infor­matische Betrachtung konstituierend ist. Ursprünglich stand in der Wirtschaftsinformatik als Anwendungskontext die zu unterstützende betriebliche Funktion im Mittelpunkt. Über lange Jahre war dann die Prozess­perspektive dominant, man denke z.B. an die umfassende Dis­kussion zur Wechselwirkung zwischen der Gestaltung von Geschäftsprozessen und der Ein­führung von (Standard-)Software. Mittlerweile geht das Verständnis deutlich weiter: auch die Ausgestal­tung von Geschäftsmodellen und sogar die Gründung von Unternehmen stehen in Wechsel­wir­­kung zur maschinellen und personellen Komponente von Informationssystemen – man denke nur z.B. an das Unternehmen Google.

3. Themenfelder der Wirtschaftsinformatik

Informationssysteme im oben definierten Sinne stehen im Zentrum der Wirtschaftsinformatik. Traditionell (vgl. Mertens et al. 2006, S. 3-4) steht deren inhaltliche Ausgestaltung sowie metho­dische Aspekte deren Ent­wicklung und Betrieb im Zentrum der Betrachtung. Bei der inhaltl­ichen Ausgestaltung geht es um die konkrete Ausgestaltung von Informationssystemen für spezifische Anwendungsfelder – traditionell in Unternehmen und Verwaltungen, zunehmend aber auch z.B. in privaten Haus­halten.

Hinsichtlich methodischer Aspekte sind eine sachzielorientierte und eine formalzielorientierte Perspektive zu unterscheiden. Aus sachzielorientierter Perspektive geht es um Methoden für den Entwurf und die Realisierung von Informationssystemen. Spezifika der Anwendungs­do­mänen Unternehmen und Verwaltung finden dabei, anders als in der praktischen Informatik, besondere Berücksichtigung.

Aus formalzielorientierter Perspektive steht die effiziente und effektive Nutzung der Res­source Informationssysteme im Mittelpunkt, wobei sowohl Bereit­stellung und Betrieb derar­tiger Systeme als auch deren Nutzung gleichermaßen Beachtung finden. Derartige Themen werden unter der Überschrift „Informationsmanagement“ behan­delt. Präzise wäre der Termi­nus „IT-Management“, da viele andere informations­wirtschaftliche Fragen in Feldern wie dem Rechnungswesen oder der Organisa­tionslehre diskutiert werden.

An der Grenze zu den Wirtschaftswissenschaften und der Informatik finden sich zwei weitere Themenfelder. Zwar ist der Anwendungskontext schon in der oben vorgestellten Definition ein wichtiger Aspekt bei der Betrachtung von Informationssystemen. Betont man diesen Aspekt, dann lassen sich auch die mittelbaren Wirkungen von Informationssystemen wie etwa Veränderung in der Aufgabenteilung von Unternehmen oder Verschiebungen bei den Erlös­quellen der Wirtschaftsinformatik mit zurechnen. Analog beschäftigen sich Wirtschaftsinfor­matiker an der Schnittstelle zur Informatik mit Fragen der technischen Machbarkeit, auch wenn dieser Schnittstelle durch die tendenziell praxisorientierte Ausrichtung der Kernin­for­ma­tik in den letzten Jahren etwas an Bedeutung verloren hat. Abbildung 2 fasst die skizzierten Themenfelder noch einmal im Überblick zusammen.

Abbildung 2: Themenfelder der Wirtschaftsinformatik

4. ... und was interessiert davon die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik?

Definitionsgemäß nimmt sich auch die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik den skizzierten Themenfeldern rund um das Objekt Informationssystem an – allerdings nur solange es um das Erschaffen von Konstrukten, darauf aufbauenden Modellen und darauf wiederum aufbauenden Methoden bzw. deren Instanzierung für konkrete Fälle geht. Oder anders ausge­drückt: die Schaffung derartiger Artefakte (vgl. March/Smith 1995) ist der Erkenntnisgegenstand einer gestaltungs­orientierten Wirtschaftsinformatik. Bereits in der Welt befindliche Informations­systeme bzw. Methoden zu deren Schaffung sind für die gestaltungsorientierte Wirtschafts­informatik allenfalls als Input für die Schaffung neuer Lösungen interessant.

An dieser Stelle zeigt sich auch die Schnittstelle zwischen gestaltungsorientierter und ver­haltensorientierter Forschung in der Wirtschafts­informatik. Die verhaltensorientierte Wirt­schaftsinformatik nimmt die Welt als gegeben hin. In dieser Welt kann es von der gestal­tungsorientierten Wirtschaftsinformatik geschaffene Artefakte in Form konkreter Implemen­tierungen geben, die dann z.B. als Impuls für die Überprüfung von Theorien und anderen Wissens dienen können.

Literatur  

Wilde, T./ Hess, T.: Forschungsmethoden der Wirtschaftsinformatik – eine empirische Untersuchung, in: Wirtschaftsinformatik, 49 (2007) 4, S. 280-287

Mertens, P./ Bodendorf, F./ König, W./ Picot, A./ Schumann, M./ Hess, T.: Grundzüge der Wirtschaftsinformatik, 9. Auflage, Heidelberg u.a. 2006

March, S.T./ Smith, G.F.: Design and natural sciences on information technology, in. Decision Support Systems, 15 (1995), 251-266

 

Wilhelm Hummeltenberg, Universität Hamburg

Business Informatics vs. Information Systems

 

Replik ad „Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik“

Das „Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik“ (Österle, Hubert; et al. in zfbf 62(2010) 662-679) ist Ausdruck eines Disputs über die künftige Ausrichtung und Evaluation von interdisziplinärer Forschung und Lehre an der Schnittstelle zwischen „Business, Social and Economic Science“ und „Computer Science“. Die Richtungsdiskussionen finden gleichermaßen in Amerika und in Europa statt:

  • Koch, Ned; Gray, Paul; Hoving, Ray; Klein, Heinz; Meyers, Michael D.; and Rockart, Jack: IS Research Relevance Revisited: Subtel Accomplishment, Unfulfilled Promis, or Serial Hypocrisy? Communications of the Association for Information Systems, Vol. 8 (2002) 330-346 [http://aisel.aisnet.org/cais/vol8/iss1/23/]
  • Plinke, Wulf: Theoria cum praxi  -  Bemerkungen zur Entwicklung der Managementausbildung seit 100 Jahren. Zfbf 60(2008), 846-863.

In ihrem Wissenschaftsverständnis folgt die Wirtschaftsinformatik dem Wirtschaftsingenieurwesen. Ihm entsprechen im angelsächsischen Sprachraum „Engineering Management“, das häufig dem „Industrial Engineering“ gleichgesetzt wird, und im französischen Sprachraum „Génie industriel“. Mit dem Entstehen der Theoretischen und Angewandten Informatik emanzipierte sich die Wirtschaftsinformatik vom Ingenieurwesen. Als „solution-oriented approach and integrative discipline“ findet sie heute internationale Anerkennung, auch im angelsächsischen Sprachraum [http://en.wikipedia.org/wiki/Business_Informatics; 29.01.2011]:

Business Informatics (BI) is a discipline combining information technology (IT), informatics and management concepts. The BI discipline was created in Germany, from the concept of "Wirtschaftsinformatik". It is an established, successful academic discipline including bachelor, master and diploma programs in Austria, France, Germany, Ireland, The Netherlands, Switzerland and is establishing in an increasing number of other European countries as well as Australia. BI integrates core elements from the disciplines business administration, information systems and computer science into one field.

Business Informatics as an integrative discipline

Business Informatics (BI) shows many similarities to the Information Systems (IS), which is a well established discipline originating from the Northern American hemisphere. However, there are a few major differences that make Business Informatics a unique own discipline:

  1. Business Informatics includes Information Technology, like the relevant portions of Applied Computer Science, to a much larger extent than Information Systems does.
  2. Business Informatics includes significant construction and implementation oriented elements. I.e. one major focus lies in the development of solutions for business problems rather than the ex post investigation of their impact.

Information Systems strongly focuses on empirically explaining phenomena of the real world. Often, IS has been said to have an "explanation-oriented" focus in contrast to the "solution-oriented" focus that dominates BI. IS researchers make an effort to explain phenomena of acceptance and influence of IT in organizations and the society applying an empirical approach. In order to do that usually qualitative and quantitative empirical studies are conducted and evaluated. In contrast to that, BI researchers mainly focus on the creation of IT solutions for challenges they have observed or assumed.

Tight integration between research and teaching following the Humboldtian ideal is another tradition in Business Informatics. Recent insights gained in actual research projects become part of the curricula quite fast because most researchers are also lecturers at the same time. The pace of scientific and technological progress in BI is quite rapid, therefore subjects taught are under permanent reconsideration and revision. In its evolution, the BI discipline is fairly young. Therefore, significant hurdles have to be overcome in order to further establish its vision.

Weitere Übersetzungen für Wirtschaftsinformatik / Business Informatics in Europa

Dänisch

Bedrijfskundige informatica (Nederland) / Beleidsinformatica (Vlaanderen)

Polnisch

Informatyka ekonomiczna

Spanisch

Informática de negocios

Türkisch

Işletme enformatiği

Künftige nationale und internationale Herausforderungen der Wirtschaftsinformatik

Unter der Bologna-Reform kommt es darauf an, die Hürden zu überspringen, welche das 2-stufige Bachelor-/Master-Studiensystem der Wirtschaftsinformatik stellt:

  • Welchen Platz kann die Wirtschaftsinformatik als Integrationsgebiet in Bachelor-Studiengängen der Wirtschaftswissenschaften zur Erlangung eines ersten berufsqualifizierenden Abschlusses nach 3 Jahren einnehmen?

  • Wie läßt sich für eine integrative, auf die Lösung praktischer Probleme ausgerichtete Disziplin die Forderung eines ersten berufsqualifizierenden Abschlusses nach 3 Jahren erfüllen?

  • Welche Rolle kann die Wirtschaftsinformatik in Masterstudiengängen der Wirtschaftswissenschaften als integrative Disziplin oder Schwerpunkt spielen?

Die Antworten auf diese Fragen bilden die Basis für die Zukunft der Wirtschaftsinformatik im deutschen Sprachraum.

International ist eine weitere Verbreitung der Wirtschaftsinformatik über Europa, Südostasien und Australien hinaus anzustreben. Wie die folgende Konferenz zeigt, sind erste Schritte einer Etablierung von Business Informatics in Nordamerika zu beobachten:

Zur Diskussion wissenschaftstheoretischer Fragen, ob z.B. die „Betriebswirtschaftslehre als Sozialtechnikwissenschaft“ begriffen werden sollte, sei verwiesen auf

Dimitris Karagiannis, Universität Wien

Welche Rolle kann bzw. soll die IT bei der Umsetzung und Unterstützung gestaltungsorientierter WI-Forschung spielen?

1 Einleitung

Die Welt der IT ist komplex, wie die zahlreichen Standards, Methoden, Vorgehensmodelle, Architekturen, Frameworks, Workbenches und Programmiersprachen dokumentieren.

In der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik könnte man zwei unterschiedliche - zeitliche - Phasen beschreiben, in denen die IT jeweils differenzierte Rollen spielt.

In der ersten Phase, die als „search of concept“ und/oder „proof of concept“ bezeichnet werden kann und in der es primär um Grundlagenforschungsfragen geht, übernimmt die IT die Rolle des „Enablers“. Die spezifische Rolle der IT wird von der Art der Grundlagenforschung in dem jeweiligen Anwendungsbereich bestimmt, wie das nachfolgende Zitat aus der „ZEIT“ beispielhaft erläutert. „Mit Proteinen beschäftigte sich Erich Wanker schon vor knapp zwanzig Jahren als PostDoc an der University of California in Los Angeles“. Von klinisch relevanter Forschung war der junge Genetiker damals weit entfernt. „Das war beinharte Grundlagenforschung ohne medizinische Anwendung“, erinnert sich Wanker, „ich hatte das Gefühl, das sei ein absteigender Ast“ (Albrecht 2009).

In der zweiten Phase, die als „proof of product“ bezeichnet werden kann und in der es primär um den Teil der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik geht, der sich mit der Umsetzung von Forschungsergebnissen in innovative Gestaltung und Realisierung von Informationssystemen beschäftigt, übernimmt die IT die Rolle des „Treibers“.

Über den Einsatz der IT als Erfolgsfaktor im Business, wo z.B. dargestellt wird wie sich neue Technologien in der Unternehmensführung auswirken, gibt der Harvard Business Manager Schwerpunkt Informationstechnik (10/2008) Aufschluss.

 2 IT als "Treiber"

Auf die Rolle „der IT als „Enabler“ wird in diesem Beitrag nicht detailliert eingegangen, da zu diesem Thema eine Großzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen verfügbar ist.

Die Rolle der IT als „Treiber“ in der „proof of product“ Phase wird im Nachfolgenden anhand des Punktes „Erkenntnisgegenstand“ des Memorandums und mit Hilfe einer Analogie mit dem Prozess zur Entwicklung neuer medizinischer Substanzen und Produkte im Bereich der klinischen Forschung erläutert. Dies basiert auf, aus Projektarbeit gewonnenem, Erfahrungswissen.

Die nachstehende Analogie soll dazu dienen, dass die Rolle der IT in der gestaltungsorientierten WI-Forschung den im Memorandum erwähnten Anspruchsgruppen präsentiert wird.

Das Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik stellt im Erkenntnisgegenstand fest, dass „der Wissensbestand der Wirtschaftsinformatik einerseits in der wissenschaftlichen Literatur, anderseits, und das zu einem viel größeren Teil, in der Wirtschaft in Form von Informationssystemen, Software, organisatorischen Lösungen sowie Methoden und Werkzeugen, darüber hinaus aber auch in Form von Erfahrungen mit diesen Komponenten liegt“.

Ausgehend von den Erkenntnissen u.a. im Bereich der biologischen, chemischen und physiologischen Grundlagenforschung, erforscht und testet die klinische Forschung Substanzen und Produkte und Verwendungsmöglichkeiten zur Behandlung von Krankheiten und deren Symptomen. Dies erfolgt in Form einer systematischen Suche, die durch einen mehrstufigen, iterativen Verlauf gekennzeichnet ist, der schließlich in der Identifikation eines oder mehrere Lösungen münden. Für diese Kandidaten sind bereits Vorhersagen zur tatsächlichen Wirkung im menschlichen Organismus und der konkreten Herstellungsweise verfügbar. Weiterhin können in dieser präklinischen Phase bereits unbeabsichtigte Wechselwirkungen ausgeschlossen werden, wobei jedoch noch keine Aussagen über die tatsächliche, in-vivo Wirkungsweise getroffen werden können. Zur weiteren Untersuchung der Lösungen werden dann spezifische Testverfahren angewandt, unter anderem zur Feststellung der Toxizität und den Wirkungen im Tierversuch. Zur tatsächlichen Überprüfung der in-vivo Wirkungsweise werden abschließend eine Reihe von klinischen Prüfungen durchgeführt. Diese finden nicht mehr im Labor, sondern am menschlichen Organismus statt. Im Zuge der sogenannten Phase I der Studien werden die Substanzen an rund 20-100 gesunden Freiwilligen getestet, in den Phasen II und III auch an 100-5000 freiwilligen Patienten, die bereits das zu behandelnde Krankheitsbild aufweisen. Alle diese Studien erfolgen unter Aufsicht und unterliegen einer strengen behördlichen Kontrolle, wie die der European Medicines Agency (EMA) (2010) oder der Food and Drug Administration (FDA) (2010). Damit sind einerseits die Einhaltung der formalen und rechtlichen Vorschriften, Compliance, als auch die objektive Überprüfung des Studiendesigns gewährleistet (Fill u. Reischl 2009).

Legt man diese Überlegungen auf den Bereich der  Wirtschaftsinformatik um, so kann die Rolle der Informationstechnologie unmittelbar mit jener von neuartigen medizinischen Substanzen verglichen werden. Dabei ist festzustellen, dass Informationstechnologie in der Wirtschaftsinformatik nicht nur als ein „Medikament“ zur Behandlung von konkreten „Krankheitssymptomen“ angesehen werden darf, sondern darüber hinaus auch eine Erweiterung oder überhaupt erst Ermöglichung von bestimmten Fähigkeiten eines Unternehmens bewirken kann. Die Suche nach derartigen neuen Ansätzen erfolgt auch in der Wirtschaftsinformatik nach einem iterativen Verfahren, das ebenfalls mehrere Lösungen hervorbringen kann. In Analogie zur präklinischen Phase der klinischen Forschung können jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine Aussagen über die tatsächliche Wirkungsweise im „Organismus“ Unternehmen gemacht werden. Es lassen sich jedoch bereits gewisse Parameter für die Eignung im Unternehmen konfigurieren, die insbesondere „unbeabsichtigte“ Wechselwirkungen ausschließen sollen. Hier können z.B. direkt bestimmte sicherheits- und datenrechtliche Grundlagen einfließen, die im gegebenen Umfeld auf jeden Fall beachtet werden müssen. Durch die Anwendung von empirischen Untersuchungen im kleinen Rahmen und „Sicherheitsüberprüfungen“ können dann bereits erste Aussagen zur zukünftigen Wirkung in realen Umgebungen gemacht werden. Diese können jedoch keinesfalls die tatsächliche Anwendung in einer realen Umgebung ersetzen, die erst durch den Einsatz in Unternehmen mit entsprechend vielen Beteiligten stattfindet. Die dabei auftretenden Neben- und Wechselwirkungen geben schlussendlich Aufschluss darüber, wie gut sich das neue „Produkt“ für den beabsichtigten Zweck eignet und ob die dafür definierten Ziele erreicht werden konnten.

Beim Einsatz von IT-Produkten in der oben beschriebenen Weise, stellt sich auch die Frage nach der Gestaltung der Produkte. So wie in der klinischen Forschung Substanzen in unterschiedlichen „Darreichungsformen“ angeboten werden können, besitzen auch IT-Produkte eine Reihe von Parametern, die die spätere Wirkungsweise beeinflussen. Dazu zählen unter anderem Parameter wie das Design der Speicher, der Effizienz oder der Komplexität wie auch die Art der eingesetzten Komponenten, Betriebssysteme, Anwendungen und Schnittstellen und nicht zuletzt die Aspekte von Sicherheit und Ressourcenverbrauch. Wie auch in der klinischen Forschung muss die Art der „Darreichungsform“ bereits frühzeitig festgelegt werden und wirkt sich unmittelbar auf den realen Einsatz aus. So ist z.B. die Festlegung auf eine bestimmte Programmiersprache oft auch an bestimmte Hard- und Softwareanforderungen gebunden, die zwar möglicherweise im Bereich der Forschung verfügbar und tauglich sind, in einer realen Unternehmensumgebung jedoch unter Umständen aufgrund von technischen oder organisatorischen Restriktionen nicht anwendbar sind. Dies trifft in gleicher Weise auf die Quantität und Qualität von Ressourcen, wie z.B. Datenbanken oder Service-Level-Agreements zu, die teilweise im Forschungsbereich nicht in der gleichen Kapazität oder Komplexität vorhanden sind und so eine zusätzliche Hürde bei der Adaption auf reale Unternehmensumgebungen darstellen.

Während des gesamten Prozesses der klinischen Forschung und insbesondere in der Phase der klinischen Prüfung spielt die Sicherstellung einer höchstmöglichen Qualität und die Einhaltung von nationalen und internationalen Vorschriften eine maßgebliche Rolle. So werden beispielweise Anträge auf Zulassung zu klinischen Prüfungen eingehend von behördlicher Seite und entsprechend zusammen gesetzter Ethikkommissionen geprüft.

Dabei erfolgt eine enge Interaktion zwischen Hersteller und Behörde, um so bereits frühzeitig die richtigen Testverfahren anzuwenden um hochqualitative Ergebnisse zu erzielen.

Eine ähnliche Vorgehensweise kann auch für die Wirtschaftsinformatik skizziert werden. Selbstverständlich müssen auch in der Wirtschaftsinformatik- Forschung Qualität und die Einhaltung von rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Soll ein entsprechendes IT-Produkt praktisch, in einer realen Unternehmensumgebung geprüft werden, sind auch entsprechende Tests erforderlich, um fachliche, rechtliche und vor allem sicherheitstechnische Erfordernisse zu gewährleisten. Analog wären auch hier Mechanismen vorzusehen die eine Überprüfung der „Governance“ des entsprechenden IT-Produkts vornehmen können und so die sichere Anwendbarkeit im Unternehmen garantieren.

3 Zusammenfassung

Abschließend wäre zu erwähnen, dass in allen Punkten des Memorandums die IT eine Rolle annimmt. Von

  • „Anspruchsgruppen“, in dem IT durch Arbeiten im Bereich ‚User-Machine-Interaction’ einen enormen Beitrag liefern kann, über

  • „Erkenntnisgegenstand“, der in den vorigen Kapiteln ausführlich erläutert wurde, über

  • „Erkenntnistypen“, in denen Software als „öffentlich zugänglicher Sourcecode“ betrachtet wird und wo die Open Model Initiative einen erheblichen Beitrag leistet (Koch et al. 2006; Karagiannis et al. 2007) und

  • bis hin zu „Prinzipien“, in denen man die Informationstechnologie von der Abstraktion bis zur Evaluierung und Nutzen durch z.B. Modellierungsansätze die Informationstechnologie unterstützen kann.

Die Inhalte dieses Beitrags sind im Rahmen der Erkenntnisse des Memorandums erstellt.

4 Literatur

Albrecht, H.: Wie das Leben so faltet, DIE ZEIT vom 10.09.2009, S. 33ff.

European Medicines Agency: European Medicines Agency, www.ema.europa.eu, 27.01.2010.

Fill, H.-G.; Reischl, I.: An Approach for Managing Clinical Trial Applications Using Semantic Information Models, in: Rinderle-Ma, S. et al. (Hrsg.): 3rd International Workshop on Process-oriented information systems in healthcare (ProHealth ’09) in conjuncation with 7th Int'l Conf. on Business Process Management (BPM 2009), Springer, Berlin, Heidelberg 2009, S. 581-592.

Food and Drug Administration: U S Food and Drug Administration Home Page, www.fda.gov, 27.01.2010.

Harvard Business Manager: Schwerpunkt Informationstechnik, Hamburg 10/2008.

Karagiannis, D.; Grossmann, W.; Höfferer, P.: Open Model Initiative - A Feasibility Study, Projektstudie im Auftrag des BMVIT, Projektnummer GZ.BMVIT-604.000/0012-III/I5/2007, www.openmodel.at, 2007.

Koch, S.; Strecker, S.; Frank, U.: Conceptual Modelling as a New Entry in the Bazaar: The Open Model Approach, in: Damiani, E. et al. (Hrsg.): Proceedings of the Second International Conference on Open Source Systems, Springer, Boston 2006, S. 9-20.

  

Stefan Klein, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Lieber Hubert,

danke für Deine Erinnerung. Ich habe mir das Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik angeschaut.

Allerdings greift das Memorandum aus meiner Sicht zu kurz und legitimiert (vermutlich ungewollt) einige Praktiken, die ich eher kritisieren würde.

1.    Die Darstellung des Information Systems Research (ISR) erscheint mir klischeehaft und verkürzt.

ISR ist viel heterogener und lässt sich nicht ohne weiteres unter den „Forschungsansatz des Behaviorismus“ subsumieren. Die Ausbildung der PhDs an den wirklich guten Schulen ist fast ausnahmslos auf die akademische Laufbahn ausgerichtet und hat mithin andere Schwerpunkte und Ziele.

Die Kritik im Hinblick auf mangelende Relevanz der Forschung beachtet nicht die Qualität von Forschungsergebnissen. Mancher nicht relevante Beitrag ist einfach schlecht gemacht. Mangelnde Ausführung diskreditiert jedoch nicht automatisch das Forschungsparadigma oder die gewählte Methodik.

Am Rande der ICIS findet seit Jahren das Research Center Directors Meeting statt, an dem – überwiegend amerikanische Kollegen – über ihre intensive Kooperation mit der Industrie berichten. Nach meiner (begrenzten) Kenntnis wird in den USA eben klarer zwischen Beratung (viele Hochschullehrer haben in der Praxis gearbeitet und haben Beratungsmandate) und wissenschaftlicher Arbeit getrennt.

2.    Die Darstellung der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik ist idealisierend und verkürzt.

In der deutschsprachigen WI gibt es eine große Modellierungsgruppe. Modellierung ist allerdings nicht per se auf Innovation, sondern zunächst mal auf Beschreibung ausgerichtet. Die Beschreibung folgt dabei häufig einem prozessorientierten Paradigma und ist wichtiger Zwischenschritt in der Systementwicklung. Auf der anderen Seite wendet sich z.T. gerade die Industrie ethnographischen Methoden zu, die wohl eher dem behavioristischen Paradigma zugerechnet werden, um den Umgang der Nutzer mit Informationssystemen und deren Prozesse der Aneignung besser zu verstehen und für die Gestaltung nutzen zu können. … Die Praxis ist vielseitiger und vielschichtiger als das Memorandum vermuten lässt.

Ihr höchstes Ziel waren relevante, nutzenstiftende Ergebnisse. Die Umsetzung in die Praxis und der wirtschaftliche Erfolg waren ihr oft ein wichtigerer Nachweis für die Richtigkeit der Ergebnisse als eine sauber dokumentierte wissenschaft­liche Herleitung anhand von anerkannten Kriterien (Rigor). Diese Forschungsrichtung muss akzeptie­ren, dass dies in einigen Fällen auch zur Publikation von Ergebnissen geführt hat, für die eine stabile wissenschaftliche Begründung fehlt.“

Nach meiner (begrenzten) Kenntnis ist die Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Beratung in Teilen der WI nicht klar. Viele Doktoranden arbeiten in Beratungsprojekten, publizieren und promovieren darüber. Die Ergebnisse werden in Zusammenarbeit mit Unternehmen entwickelt und werden von diesen als nutzenstiftend wahrgenommen.

Was dort fehlt ist nicht nur eine „sauber dokumentierte wissenschaft­liche Herleitung anhand von anerkannten Kriterien (Rigor)“, sondern ein über Beratung hinausgehendes Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten, an Kenntnis der Literatur und von Methoden. Es mangelt an der Einsicht, dass Wissenschaft ein eigenes „Spiel“ mit Regeln ist, die nicht ohne weiteres dem „Spiel“ der Praxis entsprechen.

Wenn 80-90% der Doktoranden keine akademische Laufbahn anstreben, stellt sich ja die berechtigte Frage nach dem erforderlichen akademischen Niveau von deren Ausbildung. An manchen Universitäten in UK gibt es daher die Unterscheidung von DBA (anwendungsorientierte Qualifikation für die Industrie) und PhD (Qualifikation für die akademische Laufbahn). Vielleicht wäre eine solche Differenzierung auch in der WI hilfreich.

3.    Ein zentraler Kritikpunkt an dem gestaltungsorientierten Ansatz der WI, die mangelnde Evaluation der Ergebnisse, wird nicht wirklich ernst genommen.

Rigorosität verlangt eine Überprüfung der geschaffenen Artefakte gegen die anfangs definierten Ziele und mittels der im Forschungsplan gewählten Methoden. Einen wichtigen Teil übernehmen die Begutachtungsverfahren für wissenschaftliche Publikationen.“

Meines Erachtens kann das Begutachtungsverfahren die zugewiesene Rolle der Evaluation nicht wahrnehmen, wenn die systematische und methodische Evaluation der Ergebnisse nicht schon bereits integraler Bestandteil des Forschungsprozesses war. Das Memorandum akzeptiert eine immanente Evaluation: die Forscher überprüfen die Ergebnisse an den eigenen Zielen und gewählten Methoden. Dies stellt aber nicht sicher, dass wissenschaftliche Standards dabei eingehalten werden. Wenn in einem Aufsatz behauptet wird, dass die Ergebnisse den Praxispartner vorgestellt wurden und diese zufrieden waren, könnte man dies ja als positive Evaluation im Sinne des Ziels, einen praktischen Nutzen zu generieren, werten. In einem Begutachtungsverfahren prüfbar ist eine derartige Behauptung allerdings nicht. Ich kenne wenige Beispiele, in denen die im Rahmen der Design Science Diskussion gemachten Vorschläge zur Evaluation ernsthaft betrachtet und umgesetzt wurden.

„… dass unsere Disziplin die gestaltungsorientierte Forschung ausdrücklich begrüsst und Regeln dafür formuliert hat.“

Aus meiner Sicht sind die Regeln (Prinzipien) noch nicht klar genug formuliert. So ist etwa „Allgemeingültigkeit“ gerade bei einem gestaltungsorientierten Ansatz nicht erreichbar, da die Empfehlungen kontextgebunden sind.

4.    Erkenntnisziele

„Die Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik sind Handlungsanleitungen (nor­ma­tive, praktisch verwendbare Ziel-Mittel-Aussagen) zur Konstruktion und zum Betrieb von Infor­ma­tionssystemen sowie Innovatio­nen in den Informationssystemen (Instanzen) selbst.“

Dies ist wiederum leider sehr verkürzt: „Handlungsanleitungen“ werden nicht qualifiziert, z.B. methodisch fundierte …. Und auch gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik sollte nicht bei Handlungsanleitungen stehen bleiben: die Gestaltung ist ja gerade ein Weg zur Erkenntnisgewinnung etwa im Sinne der Aktionsforschung oder experimenteller Ansätze.

5.    Duktus des Memorandums

Aus meiner Sicht ist das Memorandum weitgehend unkritisch gegenüber Praktiken, die die Grenze zwischen Praxis und Wissenschaft verwischen. Der zunehmende Druck zur Drittmittelakquise macht aus Wissenschaftlern häufig Wissenschaftsmanager. Die wissenschaftliche Arbeit folgt den Erwartungen und Vorgaben der Drittmittelgeber. Die Doktoranden müssen die im Projektplan definierten Ergebnisse produzieren und erhalten als „Gegenleistung“ einen akademischen Grad. „Design Science“ wird in einer derartigen Situation nach meiner Beobachtung mitunter als Deckmäntelchen verwendet, um beratungsnahe Forschung als Wissenschaft zu legitimieren. Die Ergebnisse werden eher durch die Anwendbarkeit und die Praxis, denn durch die Anwendung wissenschaftlicher Verfahren und den wissenschaftlichen Diskurs legitimiert. Gegenüber den Nachbardisziplinen BWL, VWL, Sozialwissenschaften sind die Ergebnisse häufig nicht anschlussfähig.

Die Forschung in anderen Ländern ist zunächst einmal anders: sie findet unter anderen Rahmenbedingungen und Strukturen statt. Meines Erachtens – und hier bin ich sicherlich idealistisch – sollte es vor allem um die Qualität der Ergebnisse und damit die Erweiterung unseres Verständnisses gehen. Hier wie dort gibt es exzellent Wissenschaftler, Mittelmaß und schwache Kollegen. Gemeinsam sollten wir uns für Qualität, Vielfalt und Professionalität einsetzen.

Das Memorandum weckt für mich ein wenig den Eindruck als werde der Paradigmenstreit als Hauptproblem identifiziert. Eine Polarisierung in hier Design Science dort Behaviorismus ist dabei meines Erachtens jedoch nicht nur unzutreffend, sondern auch wenig produktiv. Nach meiner Erfahrung geht es zunächst um sehr verschiedene Praktiken wissenschaftlicher Arbeit und die entsprechenden Rahmenbedingungen. Ich würde daher eher auf Diskurs und Dialog setzen und bemühe mich ja auch persönlich - wie du weisst - seit vielen Jahren darum.

Dass die Bewertung von Publikationen in einer Situation, in der Journal-Publikationen als Maß der Dinge hochstilisiert werden, damit auch eine politische Dimension gewinnt, ist leider kaum vermeidbar und nicht auf einzelne Länder beschränkt. Dennoch ist mein Eindruck, dass bei den führenden internationalen Journals und Konferenzen sehr viel Zeit und Sorgfalt in Reviews investiert wird. Auch dies ist Ausdruck einer Wissenschaftskultur.

Für mich stellen sich somit etwas andere Fragen, etwa

  • wie ich und meine Doktoranden bessere Wissenschaftler werden können und
  • wie wir die Rahmenbedingungen an unseren Hochschulen verbessern können, um wieder mehr Raum und produktivere Strukturen für wissenschaftliches Arbeiten zu gewinnen – dies schließt die Kritik an Journalrankings etc. ein – und
  • wie wir die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Informationssystemen besser verstehen und beeinflussen können.

Lass uns bei Gelegenheit mal telefonieren.

Mit herzlichem Gruß

Stefan

 

Peter Mertens, Universität Erlangen-Nürnberg

Zur zeitgenössischen Publikationskultur in der Wirtschaftsinformatik
Die neueren Entwicklungen haben es mit sich gebracht, dass bei der Beurteilung von Hochschullehrern der Wirtschaftsinformatik Aufsätze ("papers") in internationalen Zeitschriften ein weit höheres Gewicht erhalten als geschlossene Darstellungen, wie z. B. eine homogene Dissertationsschrift. Dies führt dazu, dass die Ergebnisse von größeren Forschungsprojekten in der Literatur sehr "gestreut" werden. Fünf Aufsätze zählen mehr als fünf Kapitel eines Buches mit gleichem Inhalt.

Wir müssen dabei aber auch an unsere Kunden denken, d. h. auch an die Leserinnen und Leser. Angenommen, ein Doktorand oder Habilitand untersucht  in vier Branchen die Tauglichkeit von Maßnahmen gegen  Produktpiraterie auf der Basis von Hologrammen mit dem Ziel, Verbesserungsvorschläge zu machen. Als Erstes erklärt er die  physikalisch-technischen Errungenschaften der Hologrammsicherung, die für das Verständnis des Folgenden unabdingbar sind und überwiegend beim adressierten WI-Leserkreis noch nicht vorausgesetzt werden können. Dann studiert er die vier Branchen B1 bis B4, wofür er jeweils  ein halbes Jahr benötigt. Schließlich fasst er die Ergebnisse über die vier Branchen hinweg zusammen und kommt  zu gewissen Befunden und darauf aufbauend verbesserten Konzepten.

Unterstellt, er bringt eine erste Arbeit mit den technischen Grundlagen und Branche B1 bei der Zeitschrift Z1 durch. Wenn er die Befunde zu B2 publizieren will, entgegnen ihm die Gutachter der Z1: "Der neue Aufsatz unterscheidet sich nicht hinreichend von der schon bei uns veröffentlichten Arbeit". Der Habilitand  wendet sich daraufhin an die Zeitschrift Z2. Im günstigen Fall sind die Herausgeber von  Z2 daran interessiert, ihrer Leserschaft auch einmal eine Abhandlung über das brennende Thema Produktpiraterie anzubieten, und nehmen die Arbeit über B2 an, wobei aber der technische Teil über Hologramme erneut vorgeschaltet werden muss.  So geht es weiter, bis die vier Befunde  in Z1 bis Z4 publiziert sind. Nun braucht man evtl. noch Z5 für die zusammenfassende Darstellung der Forschungsergebnisse bzw. Konzepte.

Der geneigte Leser (z. B. ein anderer Doktorand oder ein Praktiker) soll sich jetzt das Gesamtbild verschaffen, indem er sich die fünf Zeitschriften  besorgt, wobei noch das Problem auftritt, dass wegen der Veröffentlichungsbedingungen, Gutachtermeinungen, Formatvorschriften usw. die fünf Aufsätze ganz unterschiedlich zu "verdauen" sind.


Günter Müller, Universität Freiburg

Einheit in Vielfalt

Die Wirtschaftsinformatik befindet sich diesseits und jenseits des Atlantiks in stürmischen Gewässern. Da wir in Europa gerne Ausschau nach dem großen Vorbild halten und dann oft eher schnell das beim Nachbarn praktizierte zum Maß aller Dinge erklären, ist eine der Motivationen hinter dem Memorandum die Sorge, dass unser so erfolgreiches Modell der letzten 50 Jahre für etwas Ungeprüftes geopfert würde. Auf der einen Seite fragt man sich, warum das Überprüfen von Modellen der Interaktion mit der Wirklichkeit überlegen sein soll. Auf der anderen Seite hat das Reihen von Zeitschriften dazu geführt, dass von dort Signale an den Nachwuchs und zur Indikation von Wissenschaftlichkeit verwendet werden, das dann zu Ergebnissen führt, die den Vorstellungen des Memorandums widersprechen. Daher ist das Memorandum nicht gleichbedeutend mit den Memoiren ihrer Verfasser, sondern adressiert durchaus zukunftsorientiert die zentralen Fragen des Faches:

  • Welche Aufgabe und Einordnung hat unsere Disziplin in der Gesellschaft?

  • Gibt es eine dazu die am besten geeignete Methode?

  • Was sind die Kriterien, die dem Nachwuchs die richtigen Signale geben und die der Disziplin für weitere 50 Jahre das Blühen sichern?

  • Gibt es – um einen modernen soziologischen Begriff zu verwenden – Parallelgesellschaften in der WI, die einen Spaltpilz in sich tragen? 

  • Wenn über die methodischen Ansätze Unterschiede sichtbar sind, was muss die WI tun, damit in dieser Vielfalt doch die Einheit erkennbar bleibt?

Prinzipiell ist eine wissenschaftliche Disziplin entweder durch ihren Gegenstand oder durch die besondere Methodik gekennzeichnet. Der deutsche Begriff Wirtschaftsinformatik definiert diesen Gegenstand als die Rolle und den Nutzen der Informatik in der Betriebswirtschaft. Bezüglich der Methodik hat die WI in der Vergangenheit dominant die Erstellung von Artefakten betrieben. Man gestaltete die Wirklichkeit. Ehe es „Design-Science“ gab, hat man hier schon „gestaltungsorientiert“ gearbeitet, lauten das Credo und der Anspruch. Die Abgänger finden Stellen, die Einschreibungsquote für WI steigt ebenso, wie die Zahl der Lehrstühle. Solche Zahlen hat man in den USA nicht. Sie sind jedoch nur eine Seite der Medaille. Das wissenschaftliche Ansehen jenseits des Atlantiks scheint höher. Dies hat seine Ursache in einem unterschiedlichen Verständnis von Wissenschaft und übt damit einen starken Zwang auf den Nachwuchs aus. Ihr Dilemma lautet, dass die Relevanz der hiesigen WI durch Kompromisse in der Wissenschaftlichkeit erkauft sei und im Übrigen die Informatik in Zukunft die Anwendungen übernehme. Man rate daher zur methodischen Umorientierung, wenn man einen Ruf erhalten wolle.

Um es vorwegzunehmen, solche Schlussfolgerungen sind überspitzt. Aber bei vielen Berufungskommissionen kommen sie vor. Sie sind ein Ausdruck des anstehenden Wandels. Das gegenwärtig häufig anzutreffende und auch im Memorandum mitklingende „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ widerspricht dem vertrauten Erfolgskonzept der WI in den letzten 50 Jahren, das Anpassung hieß und mit fast traumwandlerischer Sicherheit „mit der Zeit ging, um nicht mit der Zeit gehen zu müssen.“ Man mag dies an der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik selbst studieren. Sie ist nun 50 Jahre alt und damit eines der ältesten WI Journale weltweit. War die erste Phase der WI in den 60er Jahren dadurch gekennzeichnet, dass man die Neuheiten der IT mit Staunen klassifizierte, von Elektronengehirnen sprach, die formierte Gesellschaft fürchtete und real „diplomierten Gerätekunde“ verbunden mit etwas „Management Information Systems“-Vision unterrichtete. Bereits die zweite Phase der WI in den 70er Jahren behandelte abstrakte Konzepte, wie z.B. die Industrielle Datenverarbeitung und optimierte Instrument und Einsatzoptionen der EDV(Elektronischen Datenverarbeitung). Den Aufbruch dazu gab der Beitrag von Ackoff zu „Management Misinformation Systems“. In der dritten Phase wurde die WI „erwachsen“, und z.B. der systematische Entwurf, der ökonomische Betrieb, die betriebswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen von Informationssystemen, sowie die Spezifikation und Erforschung automatisierter Dienste z.B. in der Finanzindustrie, ergänzten die Ausgangsdiziplinen und machten bisher „Unmachbares“ möglich.

Nach der Automatisierung von programmierbaren Aufgaben, stand die Formalisierung der dispositiven Aufgaben - möglichst über die Unternehmensgrenzen hinaus. In dieser vierten Phase befinden wir uns aktuell. Die verhaltensorientierte IS, wie sie in den USA und den großen Journalen propagiert werden, gehen davon aus, dass die technischen oder relevanten Voraussetzungen gegeben seien, und es nun darauf ankäme, diese standardisierte Technik methodisch und in ihrem Verhältnis zu Personen, Akteuren und Organisationen zu verstehen. Die gestaltungsorientierte WI ist der Überzeugung, dass weder die Instrumente, die Integration in die Geschäftsprozesse noch die Interaktion mit den Akteuren verstanden ist und man dafür noch Forschungsspielraum habe. Wir wissen heute nicht, wie diese vierte Phase ausgeht und ob die methodische Vorgehensweise noch einmal konvergieren. Wir sollten uns jedoch darauf einigen können, dass wohl beide Seiten einen anderen Aspekt desselben Gegenstandes bearbeiten und das Recht zur Existenz haben.

Das Motto „Einheit in Vielfalt“ geht auf Nikolaus von Kues, genannt Cusanus, zurück, der es als Schlagwort zum Kampf um die Einheit der römischen und griechischen Kirche erzeugte und bereits als Gesandter des Papstes Engstirnigkeit auf beiden Seiten bemängelte. Auch die gegenwärtige Diskussion mutet etwas engstirnig an. Es wäre empfehlenswert, sie so zu betreiben, dass die jeweiligen Postionen identifiziert und ausdifferenziert werden und danach im Sinne einer Synthese die Einheit in der Vielfalt gesucht wird. Diese Aufgabe ist es wert getan zu werden, da zumindest damit dem Nachwuchs hilfreiche Signale gesetzt werden und er dann auch im Wettbewerb mit anderen Fächern gewonnen werden kann.  

Diese Methodenvielfalt sowie die unterschiedlichen methodischen Hintergründe der Akteure sind Grundlage der Anpassbarkeit der WI und ihres Erfolges über so viele Jahre. Die Herausforderung der Zukunft ist das Management dieser Vielfalt.

 

Elmar Sinz, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Konstruktionsforschung in der Wirtschaftsinformatik:

Was sind die Erkenntnisziele gestaltungsorientierter Wirtschaftsinformatik-Forschung? 

Der vorliegende Beitrag stellt die schriftliche Ausarbeitung eines Kurzvortrags dar, den der Verfasser im Rahmen des Workshops „Konstruktionsforschung in der Wirtschaftsinformatik“ am 17. September 2009 an der Universität St. Gallen gehalten hat. Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik werden dabei ausgehend von einer Charakterisierung der Wirtschaftsinformatik als wissenschaftliche Disziplin sowie der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik als Ausprägung dieser Disziplin abgeleitet. Im Mittelpunkt einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik steht die Lösung eines Konstruktionsproblems - des Problems der Konstruktion betrieblicher Informationssysteme (IS). Anhand der Grundstruktur von IS werden Kategorien für Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung abgesteckt.

Wirtschaftsinformatik als wissenschaftliche Disziplin

Eine wissenschaftliche Disziplin definiert sich im Wesentlichen über ihren Gegenstand, ihre Ziele sowie über die eingesetzten Methoden und Verfahren (vgl. Sinz 2009, S. 225f). Den Gegenstandsbereich teilt sich die Wirtschaftsinformatik in erster Näherung mit der Betriebswirtschaftslehre: die Unternehmung einschließlich ihrer Sub- und Supersysteme oder, allgemein gesprochen, betriebliche Systeme in Wirtschaft und Verwaltung. Die Unterschiede zwischen Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik werden anhand der jeweils verfolgten Ziele deutlich. Während die Ziele der Betriebswirtschaftslehre primär am wirtschaftlichen Handeln ausgerichtet sind, beziehen sich die Ziele der Wirtschaftsinformatik auf die Informationsverarbeitung in betrieblichen Systemen. Diese unterliegt natürlich ebenfalls dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit. Gleichwohl werden die Unterschiede zur Betriebwirtschaftslehre d

  • Die Ziele der Wirtschaftsinformatik sind auf Analyse, Gestaltung und Lenkung von IS ausgerichtet.
  • Gegenstand der Wirtschaftsinformatik sind speziell die informationsverarbeitenden Teilsysteme betrieblicher Systeme, die als betriebliche Informationssysteme bezeichnet werden (vgl. z. B. Ferstl und Sinz 2008, S. 1f).
  • Die Methoden und Verfahren der Wirtschaftsinformatik stammen zu einem großen Teil aus den Wirtschaftswissenschaften, speziell der Betriebswirtschaftslehre, und der Informatik. Da betriebliche Informationssysteme sozio-technische Systeme sind, kommen Methoden aus der Systemtheorie, der Kybernetik, der Organisationsforschung, der Arbeitswissenschaften, der Psychologie und der Soziologie hinzu. Darüber hinaus entwickelt die Wirtschaftsinformatik seit jeher spezifische eigene Methoden und Verfahren, z. B. durch Kombination und Weiterentwicklung von Ansätzen der Stamm- und Nachbardisziplinen.

Das Konstruktionsproblem der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik

Wie durch den Begriff ausdrückt, verfolgt die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik vorrangig das Ziel der Gestaltung von IS. Abstrakt betrachtet, kann die Gestaltung von IS als Konstruktionsproblem formuliert werden, welches wiederum ein spezielles Untersuchungsproblem darstellt (Ferstl 1979,

  • Ein Untersuchungsproblem umfasst ein Untersuchungsobjekt, welches anhand bekannter Systemeigenschaften beschrieben wird, sowie ein Untersuchungsziel, welches sich auf unbekannte Systemeigenschaften des Untersuchungsobjekts bezieht.
  • Ein Konstruktionsproblem ist ein spezielles Untersuchungsproblem. Das Untersuchungsobjekt ist dabei ein noch nicht existierendes System, dessen Verhalten postuliert wird. Das Untersuchungsziel bezieht sich auf eine Struktur des Systems, welche das geforderte Verhalten realisiert.
  • Der Lösungsraum für das Konstruktionsproblem kann durch Vorgabe von zu verwendenden Systemkomponenten oder Teilstrukturen eingeschränkt sein.

Das Konstruktionsproblem der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik erstreckt sich dabei nicht nur auf Planung, Entwicklung und Realisierung von Informationssystemen, sondern bezieht analog zu anderen ingenieurwissenschaftlich orientierten Disziplinen auch deren Nutzung und Betrieb mit ein.

Selbstverständlich steht in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik nicht eher routinemäßige Gestaltungsaufgaben im Mittelpunkt, sondern Forschungsaufgaben, welche auf die Entwicklung neuer Methoden und Verfahren für die Lösung des Konstruktionsproblems sowie deren Erprobung, z. B. anhand von Systemprototypen, abzielen. Insofern stellen die Untersuchungsziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung Erkenntnisziele dar.

Zusammenfassend: Die Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung beziehen sich auf die Lösung des Konstruktionsproblems von IS.

Strukturmodell betrieblicher Informationssysteme

Im Profil der Wirtschaftsinformatik, beschlossen von der Wissenschaftlichen Kommission Wirtschaftsinformatik (WKWI) im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. im Oktober 1993, heißt es: „Gegenstand der Wirtschaftsinformatik sind ‚Informations- und Kommunikationssysteme (IKS) in Wirtschaft und Verwaltung’ (kurz: ‚Informationssysteme’ (IS)). IKS sind soziotechnische Systeme, die menschliche und maschinelle Komponenten (Teilsysteme) als Aufgabenträger umfassen, […]. Im Mittelpunkt steht die Unterstützung bei der Erfüllung betrieblicher Aufgaben“ (WKWI 1994, 80). Diese Sichtweise auf den Gegenstand der Wirtschaftsinformatik ist nach wie vor gültig. Allerdings erweitert sich der Gegenstand der Wirtschaftsinformatik – bedingt insbesondere durch die fortschreitende Nutzung des Internet – zunehmend auch auf Informationssysteme des privaten Lebensumfelds.

Abb. 1: Strukturmodell betrieblicher Informationssysteme

Anhand der obigen Begriffsbestimmung wird die grundlegende Struktur von IS deutlich (Abb. 1). Sie umfasst eine Aufgabenebene mit Geschäftsprozessaufgaben (Leistungserstellungs- und Lenkungsaufgaben) und Managementaufgaben (Lenkungsaufgaben) sowie eine Aufgabenträgerebene mit personellen (Mensch) und maschinellen Aufgabenträgern (Computer, IT-System). Die Komponenten stehen untereinander in Beziehung. Nicht-automatisierte Aufgaben werden von einem personellen Aufgabenträger, automatisierte Aufgaben von einem maschinellen Aufgabenträger, teilautomatisierte Aufgaben gemeinsam von Mensch und Maschine durchgeführt. Zwischen Mensch und Maschine bestehen Kommunikationsbeziehungen, die so zu gestalten sind, dass die Synergieeffekte des soziotechnischen Systems zur Entfaltung kommen. Eine Reihe von Lehrbücher zur Wirtschaftsinformatik nehmen dieses Strukturmodell von IS zum Ausgangspunkt (z B. Mensch-Aufgabe-Technik (Heinrich 1993, 13f), Aufgaben– und Aufgabenträgerebene (Ferstl und Sinz 2008, 1ff)).

Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung

Aufgabe, Mensch und Computer sind vorgegebene Komponententypen im Konstruktionsproblem der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. Anhand der Komponententypen und ihrer Beziehungen lassen sich die Felder einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung abstecken und die damit verbundenen Erkenntnisziele klassifizieren. Hinzu kommen ganzheitliche Forschungsfelder, die auch forschungsmethodische Fragen mit einschließen.

1.      Komponententyp-orientierte Forschungsfel

Komponententyp

Beispiele

Aufgabe

  • Management (= Gestaltung und Lenkung) von Geschäftsprozessen und Wertschöpfungsnetzen
  • Bewältigung der semantischen Heterogenität in den Begriffssystemen innerhalb und zwischen Domänen

Mensch

  • Qualifikation von Mitarbeitern
  • E-Learning
  • Wissensmanagement in Organisationen

Computer

  • Anwendungssystem-Architekturen
  • Anwendungssystem-Entwicklung
  • Nutzung von Basistechnologien und Middleware
  • Bewältigung der technologischen Heterogenität

2.      Beziehungstyp-orientierte Forschungsfelder

Beziehungstyp

Beispiele

Aufgabe-Computer

  • Gestaltung der Automatisierung von Aufgaben
  • Integration von Aufgaben und IT-Systemen
  • Business-IT-Alignment

Aufgabe-Mensch

  • Gestaltung der Organisation betrieblicher Systeme
  • Organisationsforschung

Mensch-Computer

  • Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnittstelle (Ergonomie, Kognition, multimodale Kommunikation)

3.      Ganzheitliche Forschungsfelder

Beziehungstyp

Beispiele

Aufgabe-Mensch-Computer

  • Gestaltung von Unternehmensarchitekturen bzw. von Informationssystemarchitekturen
  • Bewältigung der Komplexität von Informationssystemen
  • Wirtschaftlichkeit der Gestaltung und des Betriebs von Informationssystemen (Standardisierung, Wiederverwendung usw.)
  • Qualität von Informationssystemen (Sicherheit, Zuverlässigkeit, Robustheit usw.)

Forschungsmethodik

  • Methodik zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung
  • Sicherung der Ergebnisqualität gestaltungsorientierter Wirtschaftsinformatik-Forschung

Die beschriebenen Forschungsfelder stehen im Einklang mit empirischen Befunden. So benennt die Untersuchung von Heinzl, König und Hack (2001) Fragen der Architektur von Informations- und Kommunikationssystemen und des Zusammenwirkens zwischen Informationstechnologie und Organisation auf Platz 2 und 3 der wichtigsten Erkenntnisziele der nächsten drei Jahre. Beherrschung der Komplexität in Informations- und Kommunikationssystemen, Anwender-/Mensch-Maschine-Schnittstellen, Architektur von Informationssystemen, neue Arbeitsteilungen und Formen von Kollaborationen stehen auf den Plätzen 1, 3, 5 und 6 der wichtigsten Erkenntnisziele für die nächsten zehn Jahre.

Zusammenfassung und Diskussion

Die Ausführungen des Beitrags lassen sich in folgenden Kernaussagen zusammenfassen:

  1. Eine wissenschaftliche Disziplin kann anhand ihres Erkenntnisgegenstands, der ver-folgten Erkenntnisziele sowie der eingesetzten Methoden und Verfahren charakteri-siert werden.

  2. Die Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung beziehen sich auf die Lösung des Konstruktionsproblems von IS: Ausgangspunkt sind postulierte Verhaltenseigenschaften eines IS, gesucht ist eine Struktur des IS, welche das postulierte Verhalten realisiert und Vorgaben bezüglich zu verwendender Systemkomponenten und Teilstrukturen berücksichtigt.

  3. IS sind sozio-technische Systeme, welche als Komponententypen betriebliche Aufgaben, Menschen (personelle Aufgabenträger) und IT-Systeme (maschinelle Aufgabenträger) umfassen.

  4. Anhand dieser Komponententypen und ihrer Beziehungen lassen sich spezifische Forschungsfelder einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung identifizieren und klassifizieren.

Es stellt sich die Frage, ob alle genannten Themenfelder einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik gleichzeitig auch Forschungsfragen und damit Erkenntnisziele einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik-Forschung beinhalten.

Aus Sicht des Verfassers kann diese Frage grundsätzlich mit „ja“ beantwortet werden. Bei allen Unterschieden in der Aktualität und Dringlichkeit spezieller Themenfelder gilt doch, dass die Anforderungen an IS (siehe Konstruktionsproblem: postuliertes Verhalten) sowie Technologien und Infrastrukturen (siehe Konstruktionsproblem: Vorgabe von Systemkomponenten oder Teilstrukturen) weiterhin einer stürmischen Entwicklung unterliegen. Als Beispiel sei die Frage der Automatisierung der Aufgaben von IS genannt. Hier werden durch neue Technologien (z. B. Sensortechnik, RFID) aber auch durch neue Anforderungen (z. B. Gestaltung von Mensch-Maschine-Schnittstellen aufgrund von Ergebnissen der Kognitionsforschung) permanent neue Forschungsfragen generiert.

Literatur

Ferstl OK (1979) Konstruktion und Analyse von Simulationsmodellen. Hain, Königstein.

Ferstl OK, Sinz EJ (2008) Grundlagen der Wirtschaftsinformatik, 6. Aufl. Oldenbourg, München.

Heinrich LJ (1993) Wirtschaftsinformatik: Einführung und Grundlegung. Oldenbourg, München.

Heinzl A, König W, Hack J (2001) Erkenntnisziele der Wirtschaftsinformatik in den nächsten drei und zehn Jahren. WIRTSCHAFTSINFORMATIK 43 (3): 23-233

Sinz EJ (2009) Grundlagenforschung in der Wirtschaftsinformatik – Versuch einer Positionsbestimmung. WIRTSCHAFTSINFORMATIK 51 (2): 225-227.

WKWI (1994) Profil der Wirtschaftsinformatik. WIRTSCHAFTSINFORMATIK 36 (1): 80-81.

 

Volker Wulf, Universität Siegen

Designfallstudien: Ein Ansatz zur Überwindung der Dichotomy zwischen verhaltens- und gestaltungsorientierter Forschung

Markus Rohde, Gunnar Stevens und Volker Wulf (Universität Siegen)

Wir stimmen dem Memorandum inhaltlich in wesentlichen Punkten zu. Insbesondere sind wir der Meinung, dass ein deutliches Signal gegen die zurecht kritisierte Tendenz der 'Behaviorisierung der WI' gesetzt werden sollten. Allerdings gibt es aus unserer Sicht einige Probleme mit der Argumentation des Memorandums:

  • Die Darstellung von IS erfolgt zu grobschnittartig. Die angelsächsische Wissenschaftscommunity ist forschungsparadigmatisch wesentlich heterogener als im Momorandum unterstellt. Richtig bleibt aber, dass ein wenig praxis-orientiertes Paradigma tendenziell dominiert (und über BWL- und VWL-Rankings im Bereich der WI wirksam wird). Wir unterstützen die Kritik des Memorandums an diesem an der Aufdeckung quantitativen Gesetzmässigkeiten orientierten empiristischen Forschungsparadigma.
  • Die postulierte Gegenposition erscheint uns aber zu unspezifisch und an einigen Stellen zu sehr von positivistischen Denktraditionen durchsetzt. Insbesondere wird das Momentum der Kreativität beim Design von innovativen technischen Artefakten und deren Anwendung/Aneignung nicht thematisiert (Abduktion im peirceschen Sinne scheint mir dort eine interessante Denkfigur, statt Deduktion oder Induktion). Die Bedeutung der Evaluation, insb. in Praxis, wird nicht hinreichend im Momorandum ausgearbeitet.

Wir verweisen bezüglich einer genaueren Ausspezifikation dieser Argumentation auf die beiden Papers Rohde et al. (2009) und Wulf (2009), die anbei zugegriffen werden können.

 

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Wulf, V., Theorien sozialer Praktiken zur Fundierung der Wirtschaftsinformatik, in: Becker, J., Krcmar, H., Niehavs, B. (Hrsg.), Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Physica-Verlag, Heidelberg 2009, S. 211-224, http://www.uni-siegen.de/fb5/wirtschaftsinformatik/paper/2009/2009_wulf_theorien_sozialer_praktiken.pdf

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Rohde, M., Stevens, G., Brödner, P., Wulf, V., Towards a paradigmatic shift in IS: designing for social practice, Beitrag in: (Hrsg.), Proceedings of the 4th International Conference on Design Science Research in Information Systems and Technology, ACM, Philadelphia, Pennsylvania 2009, S. 1-11, http://desrist2009.ist.psu.edu/Papers/desrist2009_submission_22.pdf

 

Ergebnisse des Workshops der WI2011

Ergebnisse des Workshops der WI2011 zur Weiterentwicklung des Memorandums

Der Workshop „Überarbeitung Memorandum zur Gestaltungsorientierten Wirtschaftsinfor­matik“ an der Konferenz WI2011 am 16.2.2011 hatte das  Ziel, Anregungen zum Memoran­dum zu erfassen und damit die Entwicklung und Publikation des Papieres abzuschliessen. Da das von 122 Professoren unterzeichnete Memorandum nicht ohne deren Zustimmung verändert werden kann, werden im Folgenden die schriftlich und mündlich eingegangenen Voten im Sinne eines Kurzprotokolls wiedergegeben und auf dieser Website publiziert.

1. Vorschlag zur Konkretisierung der Evaluationstechniken

„ Rigorosität verlangt eine Überprüfung der geschaffenen Artefakte gegen die anfangs definierten Ziele und mittels der im Forschungsplan gewählten Methoden. <s>Einen Teil übernehmen auch die Begutachtungsverfahren für wissenschaftliche Publikationen.</s>“

Die Workshopteilnehmer plädieren für die Streichung des zweiten Satzes.

Als Evaluationsmethoden wurden u.a. genannt: das Laborexperiment, die Pilotierung (An­wen­dung eines Prototyps), die Simulation, Fallstudien, Umfragen, die Prüfung durch Exper­ten sowie das Feldexperiment (Einsatz in der Praxis). Ein selbstkritischer Rückblick auf die eigene Forschungsarbeit soll nicht nur den Geltungs­bereich und die Annahmen explizieren, sondern auch die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ausweisen.

Da gestaltungsorientierte Forschung darauf abzielt, zukünftige Welten zu erschaffen, lassen sich diese nur durch Argumentation begründen. Es gilt, die Ableitungszusammenhänge zu explizieren.

2. Vorschlag zur Darstellung gestaltungsorientierter Forschung als zyklischen Prozess

Vorschlag für Einschub in das Memorandum zu Kapitel 6 „Erkenntnisprozess“:

„Der Erkenntnisprozess verläuft idealtypisch in Iterationen mit den Aktivitäten Analyse, Entwurf, Evaluation und Diffusion. Ziel ist es, in der Praxis identifizierte Problemstellungen (Analyse) durch die Konstruktion innovativer Artefakte (Entwurf) zu lösen. Nach der Abschätzung der Problemlösungskapazität des Artefakts in der Evaluationsphase soll eine Rückführung der Evaluationsergebnisse zur Verbesserung des Artefakts in die Entwurfsphase erfolgen. Erst bei Vorliegen einer „zufriedenstellenden“ Lösung in Bezug auf zu identifizierende (Meta-)Anforderungen sind die Ergebnisse schließlich zu kommunizieren (Diffusion).“

Es entwickelte sich eine Diskussion, wie weit von Sequenz, Iteration, Phasen, Aktivitäten und Dimensionen gesprochen werden sollte, mit dem Ergebnis, dass diese Differenzierung für das Memorandum zu weit geht. Statt dessen wird auf folgende Literaturstellen verwiesen:

Markus, M. L., Majchrzak, A., Gasser, L. (2002): A design theory for systems that support emergent knowledge processes, in: MIS Quarterly, 26 (3), S. 179-212.

Jones, D., Gregor, S. (2004): An information systems design theory for e-learning, in: Proceedings of the 15th Australasian Conference on Information Systems (ACIS’04), paper 23.

Der Vorschlag, die Analysephase um eine Aktivität Hypothesenformulierung zu ergänzen, wurde verworfen, da diese genau in der Formulierung der Forschungslücke und der Forschungsfrage steckt.

3. Einigung auf Überbegriff „Information Systems Research“ als geeignete Übersetzung für „Wirtschaftsinformatik“

Es gibt schriftliche Voten (s. Abschnitt Kommentare), die in der Gleichschaltung von Wirt­schafts­informatik und Information Systems Research die Quelle vieler Missverständnisse sehen und daher für den Begriff „Business Informatics“ plädieren.

Die Anwesenden einigten sich darauf, dass Information System Research ein geeigneter Sammel­begriff für eine Disziplin ist, die in einzelnen Ländern sehr unterschiedliche Aus­prägungen besitzt. 

Mit einem gemeinsamen Überbegriff sollen Lagerbildungen vermieden werden. Die deutsch­sprachige Wirtschaftsinformatik hat sich mit Blick auf die internationalen Gegeben­heiten vor längerer Zeit dafür entschieden, den Begriff Information Systems Research als englische Über­setzung zu verwenden.

Es ist nicht sinnvoll zur Abgrenzung des deutschen Begriffs Wirtschaftsinformatik im Englischen den neuen Term „Business Informatics“ zu etablieren zu wollen.

4. Vorschlag für eine differenziertere Darstellung europäischer und angelsächsischer Forschung sowie weniger „offensive“ Formulierungen

Memorandum: „Im angelsächsischen Raum entspricht der Wirtschaftsinformatik das Information Systems Research, das allerdings aus der Kultur der Business Schools kommend den Forschungsansatz des Behaviorismus verfolgt.“

Die Formulierung ist zu vereinfachend; Forschungsrichtungen sind nicht einzelnen Regionen zuzuordnen. Die angelsächsische und die europäische Forschungslandschaft sind jeweils für sich wesentlich heterogener.

5. Methodenpluralismus

Anmerkung zum Text:
„Die Initianten und Unterzeichner dieses Memorandums treten für eine gestaltungsorientierte Wirtschaftsinfor­ma­tik ein, akzeptieren aber ausdrücklich auch andere Forschungsmethoden und begrüßen den Methodenpluralismus.“

Es gibt nicht nur verhaltens- und gestaltungsorientierte Forschungsmethoden, sondern auch die Hermeneutik, Organisationspsychologie, Mathematik etc., von denen die WI-Forschung profitiert. 

6. Vorschlag zur Publizierbarkeit gestaltungsorientierter Forschung

Eine Strategie (gerade im Kontext kumulativer Promotionen) ist es, gestaltungsorientierte Forschung nicht „en bloc“ zu veröffentlichen, sondern einzelne Teilschritte in einem übergeordneten gestaltungsorientierten Prozess zu verankern, dann aber separat durchzuführen und entsprechend in „Teilpublikationen“ zu veröffentlichen (z.B. die Analyse von Anforderungen oder die Evaluation bestehender Artefakte). Bei der oben genannten Strategie stellt sich allerdings die Herausforderung, den iterativen Prozess gestaltungsorientierter Forschung angemessen zu berücksichtigen. Wichtig ist, den Forschungsprozess mit Bezug auf anerkannte Quellen zur Forschungsmethode zu explizieren sowie die vorgestellten Ergebnisse kritisch zu würdigen.

 


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